Woher die Schuhgrößen kommen – und warum Größe 42 keine 42 Zentimeter ist
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Ein Fuß in Schuhgröße 42 ist rund 26,7 Zentimeter lang. Die 42 ist also weder eine Länge in Zentimetern noch in Zoll noch in irgendeiner Einheit, die man am Fuß nachmessen könnte. Sie ist die Anzahl von Schritten auf einer Skala, die vor gut zweihundert Jahren in Frankreich festgelegt wurde – und die neben mindestens zwei anderen Skalen existiert, die von ganz anderen Nullpunkten und ganz anderen Grundeinheiten ausgehen. Deshalb passt derselbe Fuß je nach Hersteller in drei verschiedene Nummern. Das ist kein Versagen der Hersteller. Es ist im System angelegt.

Worum es geht
Drei Größensysteme stehen nebeneinander: das europäische, das britische und das amerikanische. Sie messen unterschiedliche Dinge, sie beginnen an unterschiedlichen Nullpunkten, und ihre Herkunftsgeschichten sind zum großen Teil nicht belegt. Die internationale Norm, die zwischen ihnen vermitteln soll, räumt in ihrem eigenen Text ein, dass eine exakte Umrechnung nicht möglich ist.
Was die Zahl auf dem Schuh tatsächlich misst
Die europäische Größe zählt keine Zentimeter, sondern Stich. Ein Pariser Stich ist zwei Drittel Zentimeter, also 6,67 Millimeter. Größe 42 heißt: 42 Stich – 28 Zentimeter. Aber auch diese 28 Zentimeter sind nicht der Fuß. Gemessen wird der Leisten, die Holz- oder Kunststoffform, über die der Schuh gebaut wird. Der Leisten ist länger als der Fuß, weil die Zehen Platz brauchen.
Wie viel länger, ist die entscheidende Frage – und dafür gibt es keine verbindliche Antwort. Die internationale Norm ISO 19407 setzt die Differenz empirisch mit zwei Stich an, also etwa 1,3 Zentimetern. Dieselbe Norm hält aber ausdrücklich fest, dass daneben ein zweiter Rechenweg in Gebrauch ist, der stattdessen mit fünf Prozent Zugabe arbeitet. Beide führen zwischen Größe 38 und 46 zu fast identischen Ergebnissen und weichen an den Rändern um eine halbe Größe voneinander ab. Zwei gültige Auslegungen desselben Systems – und der Kunde sieht auf dem Etikett nur die Zahl.
Noch grundsätzlicher: Die Norm stellt fest, dass die europäische Größe je nach Herkunftsland entweder auf die Leistenlänge oder auf die Fußlänge bezogen wird. Es ist also nicht einmal festgelegt, was die Zahl misst.
Die Nähmaschine, die es noch gar nicht gab
Woher der Pariser Stich kommt, wird auf deutschen Händlerseiten fast überall gleich erzählt: Er sei die Stichlänge der Doppelnaht einer Nähmaschine. Das klingt einleuchtend und ist in dieser Form nicht haltbar.
Der Pariser Stich wird üblicherweise auf um 1800 datiert. Die erste praxistauglich gebaute Nähmaschine ließ Barthélemy Thimonnier am 17. Juli 1830 patentieren. Die Doppelsteppstich-Maschine, auf die sich die Erzählung beruft, entwickelte Elias Howe 1845/46. Ein Maß von 1800 kann seinen Ursprung nicht in einer Maschine haben, die es erst dreißig bis fünfzig Jahre später gab.
Auffällig ist, dass die Quellen den Widerspruch selbst mitliefern, ohne ihn zu bemerken: Ein Teil datiert den Stich auf „um 1800", ein anderer auf „Mitte des 19. Jahrhunderts" – und beide nennen die Nähmaschine als Ursprung. Wer den Stich in die Jahrhundertmitte legt, macht die Erzählung chronologisch möglich, verliert dafür aber die Datierung, die in den Nachschlagewerken steht.
Plausibel bleibt der Stich als Maß der Handnaht: Schuster nähten Sohle und Schaft von Hand, und die Stichdichte war ein vertrautes Maß in der Werkstatt. Ein belegtes Gründungsdokument für den Pariser Stich gibt es allerdings nicht. Was bleibt, ist die Einheit selbst – 6,67 Millimeter, seit über zweihundert Jahren unverändert.
Die andere Hälfte der Welt rechnet in Gerstenkörnern
Großbritannien und die USA stufen nicht in 6,67, sondern in 8,47 Millimetern. Das ist ein Drittel Zoll – historisch: ein Gerstenkorn. Drei Körner, hintereinandergelegt, ergaben einen Zoll.
Als Maßeinheit hat das einen offensichtlichen Haken. Der Forschungsverband der britischen Schuhindustrie hält nüchtern fest, dass ein Gerstenkorn je nach Sorte zwischen 4 und 15 Millimeter lang ist. Die mittelalterlichen Quellen einigten sich auf etwa ein Drittel Zoll – aber das war eine Setzung, keine Messung. Wie wenig belastbar das war, zeigt ein Detail aus derselben Darstellung: Ein sächsischer Fuß in England maß 39 Gerstenkörner, ein walisischer nur 27. Dieselbe Einheit, dieselbe Insel, ein Unterschied von einem Drittel.
Die Legende von König Edward
Praktisch überall im Netz – und bis vor Kurzem auch auf unserer eigenen Rechnerseite – steht der Satz, König Edward II. habe 1324 die Schuhgröße erfunden, indem er drei Gerstenkörner zum Zoll erklärte. Beide Hälften dieses Satzes halten der Prüfung nicht stand.
Erstens war die Gerstenkorn-Regel 1324 nicht neu. Das Statut Composition of Yards and Perches enthielt sie bereits – datiert wird es, wiederum unsicher, auf einen Zeitraum zwischen 1266 und 1303. Zweitens ging es in Edwards Dekret um Zoll, Fuß, Yard, Rute und Acre. Um Schuhe ging es nicht. Das britische Fachmagazin Country Life formuliert es unmissverständlich: Edward werde die Einführung eines Schuhgrößensystems zwar häufig zugeschrieben, es gebe dafür aber keinen Beleg.
Die Legende ist trotzdem verständlich. Sie liefert, was eine gute Geschichte braucht: ein Datum, einen König, einen Grund. Die belegte Version liefert stattdessen ein Statut ohne sicheres Datum und eine Einheit, die auf dem Feld wächst.
Was tatsächlich belegt ist: 1688, und es sind Viertel
Die erste dokumentierte Schuhgrößenskala steht in einem Buch über Wappenkunde. Randle Holme III beschreibt 1688 in der Academy of Armory and Blazon, wie die Schuhmacher seiner Zeit maßnahmen – und sie rechneten nicht in Gerstenkörnern, sondern in Viertelzoll.
Nach Holmes Beschreibung sind Kinderschuhe in 13 Stufen geteilt, Männer- und Frauenschuhe in 15. Die Skala beginnt bei fünf Zoll, jede weitere Stufe ist ein Viertelzoll. Größe 13 – die „short thirteens" – liegt bei 8¼ Zoll, dort beginnt die Erwachsenenskala wieder bei 1 und läuft bis 15, was genau zwölf Zoll ergibt.
Ein Größensystem auf Basis eines Drittelzolls, also des Gerstenkorns, ist erst rund hundertsiebzig Jahre später dokumentiert: 1856, bei Robert Gardiner in London. In der Zwischenzeit existierten beide Schrittweiten nebeneinander – manche Werkstätten stuften in Vierteln, andere in Dritteln.
Die heutige britische und amerikanische Skala rechnet in Dritteln. Aber sie trägt eine Struktur aus Holmes Vierteln bis heute mit sich herum.
Die 13, die niemand erklären kann
In Großbritannien und den USA laufen Kindergrößen von 0 bis 13 – und danach beginnt die Erwachsenenskala wieder bei 1. Warum ausgerechnet 13?
Zwei Erklärungen kursieren. Nach der ersten begannen die kleinsten Schuhe bei vier Zoll, der Breite einer Hand, und man addierte eine Spanne von neun Zoll: vier plus neun ergibt dreizehn. Nach der zweiten hat ein Zwölf-Zoll-Lineal dreizehn Markierungen, wenn man die Null mitzählt.
Der Forschungsverband der Schuhindustrie führt beide Theorien auf und stellt anschließend selbst fest, dass sie möglicherweise frei erfunden sind und der wahre Grund verloren ging. Was bleibt, ist die Beobachtung, dass der Sprung bereits 1688 bei Holme dokumentiert ist – dreihundert Jahre Tradition ohne bekannte Begründung.
Als Schuhe noch keine Seiten hatten
Es gibt einen Grund, warum Größensysteme so spät entstanden: Jahrhundertelang gab es kaum etwas zu bemessen. Schuhe wurden als sogenannte straights gefertigt – ohne Unterscheidung zwischen links und rechts. Ein Leisten ergab beide Schuhe eines Paars, und das halbierte die Ausgaben für Leisten. Der Forschungsverband der Schuhindustrie datiert die Verbreitung dieser Bauweise auf das 17. Jahrhundert und nennt einen nüchternen Grund: Die Maschinen jener Zeit konnten nur symmetrische Leisten herstellen. Erst Drechselbänke, die ursprünglich für Gewehrschäfte gebaut worden waren, machten spiegelbildliche Leisten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bezahlbar.
Überliefert ist aus dieser Zeit der Rat, die Schuhe abwechselnd am linken und am rechten Fuß zu tragen, damit sie sich gleichmäßig ablaufen. Es war also keineswegs unbekannt, dass Füße verschieden sind – es war schlicht zu teuer, darauf einzugehen.
Wann die Bauweise endete, ist ein weiterer Fall widersprüchlicher Datierungen. Populäre Darstellungen nennen 1817, das Jahr, in dem der Philadelphier Schuster William Young spiegelbildliche Paare angefertigt haben soll, oder 1860 als Beginn der Massenfertigung. Der Forschungsverband hält dagegen fest, dass noch in den 1890er-Jahren auf geraden Leisten gearbeitet wurde. Das Victoria and Albert Museum in London, das die Schuhe selbst im Bestand hat, notiert an einem Paar Stiefeletten von etwa 1851, dass bis 1900 viele Frauen weiterhin straights trugen, und an einem Paar von 1740, Schuhe seien bis ins 19. Jahrhundert nicht nach rechts und links geformt worden.
Vier Datierungen, vier Quellen, kein gemeinsames Jahr. Was sich sagen lässt: Der Übergang zog sich über rund ein Jahrhundert, und er verlief in den Werkstätten und Fabriken unterschiedlich schnell. Genau in diese Zeit fällt Gardiners Skala von 1856 – die erste dokumentierte Stufung in Drittelzoll. Ein Größensystem lohnt sich eben erst, wenn der Schuh überhaupt versucht, einem bestimmten Fuß zu folgen.
Ihre Schuhgröße (damen)
EU
39
US
8,5
UK
6
Fußlänge
25 cm
💡 Tipp zum Messen
Messen Sie Ihren Fuß abends — Füße schwellen über den Tag an. Stellen Sie sich auf ein Blatt Papier, zeichnen Sie die Umrisse nach und messen Sie von der Ferse bis zur längsten Zehe. Addieren Sie 0,5–1 cm Zugabe für Bewegungsfreiheit im Schuh.
Umrechnungstabelle Damen
| EU | US | UK | cm |
|---|---|---|---|
| 35 | 5 | 2,5 | 22 |
| 35,5 | 5,5 | 3 | 22,5 |
| 36 | 6 | 3,5 | 23 |
| 37 | 6,5 | 4 | 23,5 |
| 37,5 | 7 | 4,5 | 24 |
| 38 | 7,5 | 5 | 24,5 |
| 38,5 | 8 | 5,5 | 24,8 |
| 39 | 8,5 | 6 | 25 |
| 40 | 9 | 6,5 | 25,5 |
| 40,5 | 9,5 | 7 | 26 |
| 41 | 10 | 7,5 | 26,5 |
| 42 | 10,5 | 8 | 27 |
| 42,5 | 11 | 8,5 | 27,5 |
| 43 | 11,5 | 9 | 28 |
| 44 | 12 | 9,5 | 28,5 |
Amerikas Versatz – und was die Norm dazu sagt
Das amerikanische System hat dieselbe Schrittweite wie das britische, 8,47 Millimeter, aber einen eigenen Nullpunkt: 99,5 Millimeter statt 101,6. Rechnerisch wäre das ein sauberer, kleiner Unterschied.
In der Praxis funktioniert es anders, und die Norm beschreibt es ungewöhnlich direkt: Das US-System entspreche unmittelbar dem britischen, ergänzt um einen willkürlichen Versatz von einer Größe bei Herrenschuhen und meist zwei Größen bei Damenschuhen. Bei Kinderschuhen sind es üblicherweise eine halbe Größe. Das Wort „willkürlich" steht so im Normtext.
Dieser Versatz ist der Grund dafür, dass eine Damen-US-8 und eine Herren-US-8 nicht denselben Fuß meinen. Er hat keine Herleitung – er ist eine Konvention, die sich eingebürgert hat.
Das Gerät, das drei Maße nimmt – und der Verkäufer liest eines
Wer in den USA Schuhe kauft, stellt den Fuß auf eine flache Metallplatte mit Schiebern: das Brannock-Gerät. Charles Brannock meldete es am 4. November 1925 zum Patent an, erteilt wurde es am 28. August 1928 unter der Nummer 1.682.366. Je nach Bezugspunkt datieren Darstellungen es deshalb auf 1925, 1927 oder 1928 – dieselbe Unschärfe, die diesen ganzen Themenkreis begleitet.
Das Gerät nimmt drei Maße: die Länge von der Ferse bis zum längsten Zeh, die Ballenlänge von der Ferse bis zum Großzehengrundgelenk und die Breite. Die Breite wird als Buchstabe ausgegeben, von AAAA für den schmalsten bis EEEE für den breitesten Fuß.
Aufschlussreich ist die Anweisung des Herstellers zur Auswertung. Maßgeblich ist nicht die Zehenlänge, sondern der größere der beiden Längenwerte. Der Grund ist konstruktiv: Ein Schuh knickt beim Abrollen an einer festgelegten Stelle, und das Ballengelenk muss dort liegen. Sitzt es zu weit vorn oder hinten, knicken Fuß und Schuh an verschiedenen Punkten. Zwei Menschen mit exakt gleich langen Füßen brauchen deshalb verschiedene Größen, wenn ihre Zehen unterschiedlich lang sind.
In der Praxis wird dieser zweite Wert offenbar selten benutzt. In einer amerikanischen Patentschrift von 2003 heißt es, die Ballenlängen-Funktion werde von den meisten Verkäufern heute weder genutzt noch überhaupt verstanden, und bei gleicher Zehenlänge könne die Ballenlänge um bis zu zwei volle Größen abweichen. Diese Angabe stammt allerdings von einem Erfinder, der im selben Dokument ein eigenes Konkurrenzprodukt beschreibt – sie ist keine Studie, sondern eine Behauptung mit erkennbarem Eigeninteresse. Bemerkenswert bleibt sie trotzdem: Selbst dort, wo ein Messgerät genau das erfasst, was zur Passform gehört, kommt der zusätzliche Wert am Etikett nicht an.
Die Weite, die auf dem Etikett fehlt
Ein Fuß hat mindestens zwei Maße. Die drei großen Größensysteme geben eines an. Das ist der Konstruktionsfehler, der alle bisher beschriebenen Nullpunkt- und Zugabenprobleme noch überlagert: Selbst wenn EU, UK und US sich auf eine gemeinsame Länge einigten, wäre der Schuh damit nicht passend.
Für die Breite hat jedes Land eine eigene Antwort gefunden. In den USA laufen die Buchstabenweiten des Brannock-Systems; im deutschen Handel gilt die Regel, dass ein späterer Buchstabe im Alphabet eine größere Weite bedeutet. Bei Kinderschuhen gibt es in Deutschland ein eigenes System: WMS, das Weiten-Maß-System des Deutschen Schuhinstituts, mit den drei Stufen weit, mittel und schmal. Die zugehörigen Messgeräte ermitteln aus Fußlänge und Fußweite eine kombinierte Größe, in der die Zugabe zum Abrollen und eine Wachstumsreserve schon enthalten sind – WMS misst also nicht den Fuß und überlässt die Umrechnung dem Käufer, sondern nennt gleich die Schuhgröße.
Aufschlussreich ist, was das Institut den Eltern dazu mitgibt: Man solle auf das WMS-Zeichen achten, denn andere Kinderschuhe könnten bis zu zwei Nummern kürzer ausfallen. Eine Branchenorganisation warnt hier vor der Zuverlässigkeit der Größenangabe im eigenen Markt.
Historisch war die Weite lange gar keine Größe, sondern Handarbeit. Für das 19. Jahrhundert ist überliefert, dass es je Länge nur zwei Weiten gab: Der Grundleisten ergab den schmalen Schuh, und wenn ein breiterer gebraucht wurde, legte der Schuster ein Lederpolster über den Leisten. Das eine System, das Länge und Breite von Anfang an zusammen führt, ist Mondopoint – dasselbe System, das sich in Europa nicht durchsetzen konnte.
Der Punkt, an dem die Norm aufgibt
2023 hat die Internationale Organisation für Normung die Umrechnungstabellen neu herausgegeben: ISO 19407. Man würde erwarten, dass eine Norm das Problem löst. Sie tut das Gegenteil und schreibt in ihrer eigenen Einleitung, dass die Systeme über viele Jahre unterschiedlich entwickelt und ausgelegt wurden, ohne je formalisiert worden zu sein, dass eine Lösung des Umrechnungsproblems fehlt – und dass die beiden Tabellen deshalb lediglich eine Leitlinie darstellen.
Eine Norm, die feststellt, dass es die gesuchte Antwort nicht gibt, und stattdessen den besten verfügbaren Kompromiss anbietet.
Wie weit dieser Kompromiss von der Praxis entfernt ist, führt die Norm selbst vor. Sie rechnet UK 4 auf EU 36,5 und UK 8 auf EU 41,5. Im Handel sind dieselben Schuhe regelmäßig mit „4 UK / 37 EUR" und „8 UK / 42 EUR" etikettiert. Die Norm hält dazu fest, dass Kunden über diese Abweichung überrascht seien – und dass sie ihre eigenen Tabellen für technisch korrekter halte. Das Etikett widerspricht der Norm um eine halbe Größe, und die Norm weiß es.
Mondopoint: die Lösung, die keiner wollte
Es gibt ein System, das all das vermeidet. Mondopoint, in den 1970er-Jahren eingeführt und heute in ISO 9407 festgeschrieben, gibt schlicht die Fußlänge in Millimetern an, bei Bedarf zusätzlich die Breite. Größe 270 heißt: 270 Millimeter Fuß. Keine Nullpunkte, keine Zugabe, keine Umrechnung.
Durchgesetzt hat es sich dort, wo keine alte Skala im Weg stand: in China, Japan und Korea. Japan schreibt die Zahl oft in Zentimetern. In Europa blieb Mondopoint eine Randerscheinung – mit einer Ausnahme: In der DDR war es in Gebrauch. In der Bundesrepublik setzte sich der Pariser Stich durch, obwohl in Deutschland Leistengrößen ursprünglich direkt in Zentimetern angegeben wurden, etwa als „29⅓".
Statt zwei Systeme abzulösen, ist ein drittes entstanden.
Wie gut passen Schuhe tatsächlich
Bis hierher ist das eine Geschichte über Maßeinheiten. Sie hat eine messbare Folge, und die Zahlen dazu sind ungewöhnlich deutlich – und untereinander ungewöhnlich uneinig.
Zwei Forscher der australischen La Trobe University haben 2018 achtzehn Studien ausgewertet. Ergebnis: Zwischen 63 und 72 Prozent der Untersuchten trugen Schuhe, die entweder die Länge oder die Breite ihres Fußes nicht abbildeten. Als falsche Größe galt dabei bereits eine Abweichung von fünf Millimetern. Bei bestimmten Gruppen – älteren Menschen, Diabetikern, Kindern mit Down-Syndrom – lag der Anteil zu schmaler Schuhe zwischen 46 und 81 Prozent.
Bei Kindern liegen für den deutschsprachigen Raum Daten eines österreichischen Forschungsteams vor, und hier wird die Streuung der Zahlen selbst zum Befund. Eine im Fachjournal BMC Musculoskeletal Disorders veröffentlichte Untersuchung an 858 Vorschulkindern kam auf 69,4 Prozent zu kurze Straßenschuhe und 88,8 Prozent zu kurze Hausschuhe. Eine andere Erhebung desselben Teams nennt 40,4 und 59,4 Prozent. Der Abstand zwischen beiden Zahlenpaaren ist größer als der Effekt, den sie beschreiben – ein Hinweis darauf, wie stark solche Werte von Altersgruppe, Jahreszeit und Messverfahren abhängen.
Die Wiener Studie hat den Zusammenhang zur Fußform ausgerechnet, und das Ergebnis ist gestaffelt: Ist der Hausschuh eine Nummer zu kurz, steigt das Risiko einer seitlichen Abweichung der großen Zehe um 17 Prozent, bei zwei Nummern um 37 Prozent, bei drei Nummern um 61 Prozent. Rund 61 Prozent der untersuchten Kinder trugen Hausschuhe, die zwei Nummern zu kurz waren. Von 1.579 vermessenen Füßen zeigten nur 23,9 Prozent eine gerade Großzehe.
Noch weiter gehen die Zahlen zur Etikettierung auseinander. In einer Untersuchung in Salzburger Kindergärten waren 1.638 von 1.898 Schuhen kürzer, als die aufgedruckte Größe erwarten ließ, einzelne um vier Größen – daraus die viel zitierten 86 Prozent. Andere Darstellungen desselben Projekts nennen 87 Prozent und Abweichungen von bis zu drei Zentimetern: Wo 30 aufgedruckt war, steckte die Innenlänge eines 26ers im Schuh. Eine weitere Wiedergabe kommt auf 97 Prozent.
Der Untersuchungsleiter Wieland Kinz belässt es nicht bei der Beobachtung. Er hält fest, dass ihn die Systematik stutzig mache, und vermutet als Zielsetzung, dass Eltern häufiger neue Schuhe kaufen müssen. Das ist eine Unterstellung, kein Nachweis – ein Motiv lässt sich aus Innenlängen nicht ablesen. Sie steht hier trotzdem, weil sie von demjenigen stammt, der die Schuhe nachgemessen hat, und weil die naheliegende Gegenerklärung schwächer ist: Bloße Nachlässigkeit müsste in beide Richtungen streuen. Die gemessenen Abweichungen gehen fast ausschließlich in eine.
Was man stattdessen messen kann
Aus alldem folgt ein sehr schlichter Rat, und er kommt ohne Größensystem aus: Man misst den Innenraum des Schuhs und vergleicht ihn mit dem Fuß.
Wie viel Luft dabei nötig ist, hat dieselbe Wiener Studie festgehalten: Ein passender Schuh ist mindestens zehn, besser zwölf Millimeter länger als der Fuß. Für Kinder empfiehlt die Forschungsgruppe daraus eine Pappschablone: Fußumriss abnehmen, zwölf Millimeter Zugabe anzeichnen, ausschneiden und in den Schuh legen. Der übliche Daumendruck auf die Schuhspitze taugt dafür nicht – Kinder ziehen die Zehen reflexhaft ein, sobald jemand vorne drückt, und der Freiraum, den man zu ertasten glaubt, ist dann keiner. Bei geschlossenen Schuhen mit fester Vorderkappe lässt er sich ohnehin nicht ertasten.
Für Erwachsene gilt dasselbe Prinzip in einfacherer Form: Fußlänge im Stehen messen, am späten Nachmittag, beide Füße, und den größeren Wert nehmen. Die meisten Menschen haben zwei unterschiedlich lange Füße; gekauft wird nach dem längeren. Seriöse Hersteller geben in ihren Größentabellen die Fußlänge in Zentimetern an – das ist die einzige Angabe in diesem ganzen Feld, die keine Übersetzung ist.
An den Onlinehandel richtet sich eine dritte Empfehlung aus derselben Forschung: die Innenlänge der Modelle selbst zu ermitteln und zusätzlich zur Herstellerangabe auszuweisen. Das Argument ist nicht nur gesundheitlich. Wer die Innenlänge kennt, bestellt seltener zwei Größen zur Auswahl – die Rücksendequote sinkt mit derselben Angabe, die auch den Füßen hilft.
Parallel dazu arbeiten Anbieter an Fußscans per Smartphone-Kamera, die aus wenigen Aufnahmen ein dreidimensionales Modell erzeugen. Technisch ist das der Weg zurück zum Maßschuh, nur automatisiert. Praktisch stößt er auf dasselbe Hindernis wie Mondopoint vor fünfzig Jahren: Am Ende des Vorgangs steht wieder ein Etikett, auf dem eine Zahl steht.
Was daraus folgt
Die Zahl im Schuh ist keine Messung, sondern eine Position auf einer von mehreren Skalen, deren Nullpunkte historisch gewachsen und deren Zugaben nicht festgelegt sind. Verlässlich ist nur eine Angabe: die Fußlänge in Zentimetern. Sie ist von jedem System unabhängig, jeder kann sie selbst bestimmen, und seriöse Hersteller geben sie in ihren Größentabellen an.
Alles andere – EU, UK, US – ist eine Übersetzung. Und Übersetzungen sind, wie die Norm selbst einräumt, an dieser Stelle nicht exakt möglich.
Quellen
- ISO 19407:2023 — Footwear, Sizing, Conversion of sizing systemsDie maßgebliche Quelle dieses Artikels. Enthält die Stufungen (EU 6,67 mm, UK und US je 8,47 mm), die Nullpunkte, die beiden EU-Auslegungen (zwei Stich bzw. fünf Prozent Zugabe), den als „willkürlich" bezeichneten US-Versatz sowie die Feststellung, dass es keine exakte Umrechnung zwischen den Systemen gibt.
- ISO 9407:2019 — Footwear sizing, Mondopoint system of sizing and markingLegt Mondopoint fest: Fußlänge in Millimetern, bei Bedarf zusätzlich die Fußbreite.
- Randle Holme III: The Academy of Armory and Blazon (Chester, 1688)Älteste bekannte Beschreibung einer Schuhgrößenskala. Kinderschuhe in 13, Erwachsenenschuhe in 15 Stufen, Beginn bei fünf Zoll, Schrittweite ein Viertelzoll, „short thirteens" bei 8¼ Zoll. Vollständig transkribierter, durchsuchbarer Text der Erstausgabe in der Early-English-Books-Online-Sammlung der University of Michigan, unter CC0 freigegeben. Ein Scan des Originaldrucks liegt zusätzlich im Internet Archive.
- SATRA Bulletin: The diversity of footwear sizing systems (Dezember 2023)Forschungsverband der Schuhindustrie. Datiert die Composition of Yards and Perches auf 1266–1303, nennt die reale Kornlänge von 4 bis 15 mm, den sächsischen Fuß mit 39 gegenüber dem walisischen mit 27 Gerstenkörnern, Gardiner 1856, die Einführung halber Größen 1887 sowie beide Theorien zur Kindergröße 13 — und stuft diese selbst als möglicherweise erfunden ein.
- Country Life: How did they come up with the numbers for shoe sizes?Hält ausdrücklich fest, dass es für die Edward-II.-Erzählung keinen Beleg gibt, und gibt Holmes Skala von 1688 im Wortlaut wieder.
- Charles F. Brannock: Foot-Measuring Instrument, US-Patent 1.682.366Angemeldet am 4. November 1925, erteilt am 28. August 1928. Das Messgerät hinter der US-Skala. Sekundärquellen datieren es je nach Bezugspunkt auf 1925, 1927 oder 1928.
- Wikipedia: Pariser StichDatiert die Einheit auf „um 1800" und rechnet die Schuhgröße aus der Leistenlänge. Andere deutschsprachige Darstellungen datieren sie auf die Mitte des 19. Jahrhunderts — ein Beispiel für die widersprüchliche Beleglage.
- Wikipedia: NähmaschineThimonniers Patent vom 17. Juli 1830, Howes Doppelsteppstich-Maschine 1845/46 — die Chronologie, an der die verbreitete Herleitung des Pariser Stichs aus der Nähmaschine scheitert.
- Klein, Groll-Knapp, Kundi, Kinz: Increased hallux angle in children and its association with insufficient length of footwear (BMC Musculoskeletal Disorders 10:159, 2009)Die Primärquelle zu den Kinderzahlen. 858 Vorschulkinder, 1.579 vermessene Füße. 88,8 Prozent zu kurze Hausschuhe, 69,4 Prozent zu kurze Straßenschuhe, nur 23,9 Prozent gerade Großzehen. Definiert einen passenden Schuh als mindestens zehn, optimal zwölf Millimeter länger als den Fuß, und beziffert die Risikoerhöhung gestaffelt nach Nummern. Andere Erhebungen desselben Teams nennen deutlich niedrigere Anteile (40,4 und 59,4 Prozent) — die Streuung steht bewusst im Text.
- Buldt, Menz: Incorrectly fitted footwear, foot pain and foot disorders (Journal of Foot and Ankle Research 11:43, 2018)Auswertung von 18 Studien der La Trobe University. 63 bis 72 Prozent der Untersuchten trugen Schuhe, die Länge oder Breite ihres Fußes nicht abbildeten; als falsche Größe galt bereits eine Abweichung von fünf Millimetern. Bei älteren Menschen und Diabetikern lag der Anteil zu schmaler Schuhe zwischen 46 und 81 Prozent.
- The Brannock Device Company: Instructions and Fitting TipsAnweisung des Herstellers selbst: Maßgeblich ist der größere aus Zehenlänge und Ballenlänge, weil der Schuh am Ballen knickt. Belegt, dass das verbreitetste Messgerät der USA einen zweiten Längenwert kennt, der auf keinem Etikett auftaucht.
- SATRA Bulletin: The difference between left and right feetZur Bauweise der straights: ein Leisten für beide Schuhe eines Paars, verbreitet ab dem 17. Jahrhundert, weil die Maschinen nur symmetrische Leisten konnten. Nennt die Drechselbank aus der Gewehrschaftfertigung als technische Wende und den überlieferten Rat, die Schuhe abwechselnd links und rechts zu tragen.
- SATRA Bulletin: One shape fits all?Datiert die Fertigung auf geraden Leisten bis in die 1890er-Jahre — deutlich später als die populären Jahreszahlen 1817 und 1860. Beschreibt außerdem, dass es je Länge nur zwei Weiten gab: den Grundleisten für den schmalen Schuh und ein untergelegtes Lederpolster für den breiteren.
- Victoria and Albert Museum: Paar Stiefeletten, um 1851 (Objekt O11194)Museumsbeleg gegen die verbreitete Datierung: Das Objekt ist für links und rechts gearbeitet, das Museum hält aber fest, dass bis 1900 viele Frauen weiterhin straights trugen. Ein Paar von 1740 im selben Bestand ist beidseitig identisch geformt.
- Deutsches Schuhinstitut: WMS-KinderschuheDas Weiten-Maß-System mit den drei Stufen weit, mittel und schmal. Die Messgeräte liefern eine kombinierte Größe aus Länge und Weite, in der Abrollzugabe und Wachstumsreserve bereits enthalten sind. Bemerkenswert ist der Hinweis der Branchenorganisation selbst, andere Kinderschuhe könnten bis zu zwei Nummern kürzer ausfallen.
