Warum sich der Euro teurer anfühlte, als er war
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Am 1. Januar 2002 wachte Deutschland mit einer neuen Zahl auf: 1,95583. Wer an diesem Tag ein Bier bestellte, das am Tag zuvor fünf Mark gekostet hatte, zahlte 2,56 Euro. Nicht 2,50.
Die zwei Cent Unterschied klingen nach nichts. Sie sind der Anfang einer Geschichte darüber, wie eine völlig korrekte Zahl und ein völlig ehrliches Gefühl jahrelang gegeneinander stehen konnten — und wie sich am Ende herausstellte, dass beide Seiten recht hatten.
Die Zahl wurde nicht ausgehandelt. Sie fiel an.
Ein hartnäckiger Verdacht lautet, der Kurs sei politisch gemacht worden. War er nicht.
Der EG-Vertrag schrieb vor, dass die Festlegung der Umrechnungskurse den Außenwert der ECU nicht verändern durfte — jener europäischen Korbwährung, aus der der Euro hervorging. Eine ECU sollte schlicht ein Euro werden. Um das zu garantieren, nahm man als Umrechnungskurse genau die Kurse, die die Europäische Kommission am 31. Dezember 1998 nach dem üblichen Verfahren für die täglichen amtlichen ECU-Kurse berechnet hatte. Der Rat schrieb sie noch am selben Tag in der Verordnung (EG) Nr. 2866/98 fest. Unwiderruflich, ab dem 1. Januar 1999.
Die 1,95583 sind also kein Verhandlungsergebnis, sondern das Ergebnis einer Tagesberechnung. Für die Mark, für den Franc, für die Lira, für alle elf Währungen gleichzeitig.
Sechs Stellen — aber nicht die, die man denkt
Hier wird es genau, und die Genauigkeit ist der Punkt.
Man liest oft, der Kurs sei „auf sechs Nachkommastellen" festgelegt worden. Das stimmt nicht. 1,95583 hat fünf Nachkommastellen. Die maßgebliche Regel steht in Artikel 4 Absatz 1 der Verordnung (EG) Nr. 1103/97 und lautet anders: Die Kurse werden mit sechs signifikanten Stellen festgelegt. Erwägungsgrund 12 derselben Verordnung definiert das ausdrücklich — ein Kurs mit sechs signifikanten Stellen ist einer, der ab der ersten von links gezählten Stelle, die nicht eine Null ist, sechs Ziffern hat.
Der Beweis steht in derselben Verordnung, ein paar Zeilen weiter. Ein Euro entsprach 1936,27 italienischen Lire — keine einzige Nachkommastelle, aber sechs Ziffern. Und 340,750 griechischen Drachmen: Die Null am Ende ist kein Schreibfehler, sie ist die sechste signifikante Stelle. Dasselbe bei 0,429300 maltesischen Lira, wo gleich zwei Nullen mitgezählt werden müssen.
Eine Verordnung, die vorschreibt, wie zu runden ist
Wer 1,95583 für pedantisch hält, hat den Rest der Verordnung noch nicht gelesen. Artikel 4 und 5 regeln das Rechnen selbst:
Der Kurs darf bei Umrechnungen weder gerundet noch um Stellen gekürzt werden. Man darf außerdem keinen Kehrwert bilden — wer Euro in Mark umrechnet, multipliziert mit 1,95583; wer Mark in Euro umrechnet, teilt durch dieselbe Zahl. Mit 0,511292 zu multiplizieren ist verboten, und die Begründung steht gleich dabei: Inverse Kurse würden Rundungen erfordern und könnten „zu erheblichen Ungenauigkeiten führen, insbesondere wenn es sich um hohe Beträge handelt".
Wollte man Peseten in Lire umrechnen, musste man den Umweg über den Euro nehmen — direkte bilaterale Kurse zwischen zwei Altwährungen gab es nicht und durften nicht gebildet werden. Und für den Fall, dass ein Ergebnis exakt zwischen zwei Cent landet, hat der Rat auch das geregelt: Dann wird aufgerundet.
Das ist eine Verordnung, die einer ganzen Volkswirtschaft bis auf den halben Cent hinunter vorschreibt, wie sie zu runden hat.
Die größte Bargeldumstellung, die es je gab
Zwischen der Verordnung und dem Gefühl liegt eine Logistik, die man sich vergegenwärtigen sollte, um zu verstehen, warum die Umstellung überhaupt als Ereignis empfunden wurde.
Der Bargeldbestand eines ganzen Kontinents musste innerhalb weniger Wochen ausgetauscht werden. Europaweit wurden dafür rund 14,9 Milliarden Banknoten und über 51 Milliarden Münzen produziert. Allein für Deutschland druckte man bis Ende 2001 4,3 Milliarden Banknoten im Wert von 264,9 Milliarden Euro und prägte 17 Milliarden Münzen im Wert von etwa 5,3 Milliarden Euro.
Damit am Stichtag nichts stockte, begann die Bundesbank bereits im September 2001, die Banken vorab mit Euro-Bargeld zu versorgen — im Fachjargon Frontloading, weitergereicht an Geschäftskunden als Sub-Frontloading. Parallel lief eine Kampagne in die andere Richtung: Unter dem Motto „Her mit den Schlafmünzen" warb die Bundesbank ab Mai 2001 gemeinsam mit Günther Jauch dafür, gehortete D-Mark-Münzen zurückzubringen. Bis Ende 2001 flossen 11,6 Milliarden Münzstücke zurück.
Das erste Euro-Bargeld in Bürgerhand war aber weder Schein noch Bankautomat, sondern ein Plastiktütchen. Ab dem 17. Dezember 2001 gaben die Banken sogenannte Starter-Kits aus: 20 Münzen, alle acht Nennwerte von einem Cent bis zwei Euro, zusammen 10,23 Euro. Der Preis betrug 20 D-Mark — rechnerisch entsprachen die 10,23 Euro 20,01 Mark, das Tütchen war also einen Pfennigbruchteil günstiger als sein Inhalt. Deutschland stellte 53,5 Millionen dieser Kits bereit, europaweit waren es rund 150 Millionen. Vielerorts waren sie nach Stunden vergriffen.
Das ist der Kern des Vorgangs: Bevor irgendjemand mit dem Euro bezahlen konnte, hatte er ihn bereits in der Hand. Die Umstellung war Wochen vor dem Stichtag ein körperliches Ereignis — und das erklärt einen Teil der Aufmerksamkeit, mit der anschließend jeder einzelne Preis betrachtet wurde.
Dann kam das Gefühl
Und trotz dieser Präzision wurde 2002 aus dem Euro der Teuro. Das Wort wurde zum Wort des Jahres gewählt, die Verbraucherschutzministerin lud zu einem „Anti-Teuro-Gipfel", und die Antwort der amtlichen Statistik lautete: Da ist nichts.
Die Zahlen gaben ihr recht. Die Verbraucherpreise stiegen 2002 gegenüber 2001 um 1,3 Prozent — nach 2,5 Prozent im Jahr davor. Im Mai 2002 lag die Jahresrate bei 1,1 Prozent, dem niedrigsten Wert seit November 1999. Computer waren im selben Monat 23 Prozent billiger als ein Jahr zuvor. Das Statistische Bundesamt schrieb, die Euro-Bargeldeinführung habe auf die Preisentwicklung 2002 keinen nennenswerten Einfluss gehabt. Die Deutsche Bundesbank rechnete nach und kam zu dem Ergebnis, der Bargeldeinführung selbst könne höchstens ein Beitrag von 0,3 Prozentpunkten zur Januar-Teuerungsrate zugerechnet werden — der Rest ging auf zum 1. Januar 2002 erhöhte Steuern auf Energie, Tabak und Versicherungen sowie auf verdorbene Ernten in Südeuropa.
Das ifo-Institut nannte die Euro-Einführung im Hinblick auf die Inflation ein „Nicht-Ereignis" und verwies die Debatte in den „imaginären Raum der Psyche und der subjektiven Befindlichkeiten". Die Frankfurter Allgemeine resümierte 2005, der Teuro sei für viele einfach „Einbildung" gewesen; der Konsument habe ein „verzerrtes Preisgefühl" gehabt.
100 DEM entsprechen
51,13 EUR
1 € = 1,95583 DEM
Schnellreferenz: D-Mark in Euro
Nur: Das Gefühl ging nicht weg. Im Oktober und November 2003 meinten über 90 Prozent der befragten Deutschen rückblickend, die Preise seien bei der Umstellung eher zu ihrem Nachteil geändert worden. Ein Jahr zuvor waren es 88 Prozent gewesen. Die Überzeugung verfestigte sich, statt sich zu legen.
Der Durchschnitt, den kein Kunde bezahlte
Die Auflösung steckt in einer Sonderauswertung, die die Bundesbank gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt an den Einzeldaten der Preisstatistik vornahm — nicht an Durchschnitten, sondern an den einzelnen Preisen dahinter.
Friseurleistungen verteuerten sich im Januar 2002 im Bundesdurchschnitt um 1,9 Prozent. Ein unauffälliger Wert. Nur: Rund die Hälfte der beobachteten Salons hob die Preise überhaupt nicht an. Die andere Hälfte erhöhte im Mittel um rund sechs Prozent. Es gab sogar Friseure, die senkten.
Damit lösen sich beide Wahrnehmungen gleichzeitig auf. Die Statistik hatte recht: 1,9 Prozent im Mittel. Der Kunde hatte auch recht: Er zahlte sechs Prozent mehr — oder gar nichts. Der Durchschnitt, den die Statistik auswies, existierte für keinen einzigen Menschen.
Über alle untersuchten Produkte hinweg wurden knapp 45 Prozent der Preise angehoben, 10 Prozent gesenkt, und fast die Hälfte blieb unverändert. Wer Pech hatte, traf reihenweise die ersten 45 Prozent.
Warum fast jeder Preis angefasst werden musste
Es gibt einen strukturellen Grund dafür, dass die Umstellung so viele Preisschilder betraf, und er hat mit Absicht wenig zu tun.
Der Handel arbeitet mit dem, was die Preisstatistik „attraktive Preise" nennt: glatte Preise, die auf 0 oder 5 enden, und Schwellenpreise, die auf 8 oder 9 enden. Beide gelten als psychologisch vorteilhaft, und beide waren im deutschen Einzelhandel allgegenwärtig. Eine Analyse des Lebensmitteleinzelhandels zeigte, dass auf lediglich zehn Eckpreise — 1,99, 2,99, 0,99, 1,49, 3,99, 2,49, 4,99, 3,49, 5,99 und 4,49 D-Mark — außerhalb der Frischwaren 76,6 Prozent aller verkauften Artikel entfielen.
Nun rechne man diese Preise korrekt um. Aus 0,99 Mark werden 51 Cent. Aus 1,99 Mark werden 1,02 Euro, aus 2,99 Mark 1,53, aus 4,99 Mark 2,55. Keiner dieser Werte ist glatt, keiner ist ein Schwellenpreis. Die exakte Umrechnung eines attraktiven D-Mark-Preises ergibt praktisch immer einen krummen Euro-Preis.
Damit stand jeder Händler vor einer Entscheidung, die die Verordnung nicht regelte: krumm lassen oder auf den nächsten attraktiven Wert gehen. Und der nächste attraktive Wert liegt fast nie genau daneben. Aus 51 Cent wurden dann 49 — oder 59. Nach unten sind es vier Prozent, nach oben sechzehn.
Die Bundesbank hat das Ergebnis ein halbes Jahr später vermessen und einen bemerkenswerten Befund festgehalten: Schwellenpreise blieben nach der Umstellung weit hinter ihrer Bedeutung zu D-Mark-Zeiten zurück, während runde Preise an Gewicht gewannen. Bei teureren Gütern erreichten krumme Preise rund dreißig Prozent. Der Handel hatte also keineswegs flächendeckend auf die alten Muster zurückgerundet — er tat es unterschiedlich, Branche für Branche, Artikel für Artikel. Was für den einzelnen Kunden bedeutete: Es kam darauf an, was er kaufte.
Dass diese Entscheidungen überhaupt so genau beobachtet werden konnten, lag an einer Vorgabe, die heute leicht in Vergessenheit gerät: der doppelten Preisauszeichnung. Über Monate standen auf Etiketten, Speisekarten und Kassenzetteln beide Beträge nebeneinander — erst der D-Mark-Preis hervorgehoben und der Euro-Preis klein, ab Januar 2002 umgekehrt. Wer wissen wollte, ob ein Händler bei der Umstellung nachgeholfen hatte, musste nicht rechnen. Er musste nur zwei Zahlen lesen, die direkt untereinander standen.
Diese Transparenz war gewollt und sie funktionierte. Sie hatte allerdings eine Nebenwirkung: Sie richtete die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen monatelang auf einen einzigen Vorgang. Ein Preis, der ohne Währungsumstellung ebenfalls gestiegen wäre — wegen Rohstoffkosten, Löhnen oder Steuern —, sah in dieser Gegenüberstellung genauso aus wie einer, der wegen der Umstellung stieg. Auseinanderhalten ließ sich das am Regal nicht.
Wo es tatsächlich teuer wurde
Ein Bereich sticht in allen Untersuchungen heraus, und es ist derselbe, an den sich die meisten Menschen erinnern: die Gastronomie.
Zwischen Juli 2001 und Juli 2002 stiegen die Preise für Speisen und Getränke in Restaurants, Cafés und im Straßenverkauf insgesamt um vier Prozent. Das ist der Durchschnitt. Das Statistische Bundesamt hielt daneben aber ausdrücklich fest, dass vereinzelt Preiserhöhungen von bis zu hundert Prozent vorgenommen wurden und Aufschläge zwischen zwanzig und vierzig Prozent häufiger vorkamen. Auf längere Sicht verteuerte sich die Gastronomie seit der Umstellung um achtzehn Prozent.
Das ist dieselbe Struktur wie beim Friseur, nur schärfer: Ein unauffälliger Mittelwert, unter dem sich Einzelfälle verbergen, die alles andere als unauffällig sind. Wer regelmäßig auswärts aß, traf sie zwangsläufig — und erzählte davon.
Für die Gegenrechnung muss man den Zeitraum weiten. Seit der Bargeldumstellung stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland um durchschnittlich 1,6 Prozent im Jahr. In den zehn Jahren vor der Umstellung waren es 2,2 Prozent, über die gesamte D-Mark-Zeit von 1948 bis Ende 2001 sogar 2,6 Prozent. Gemessen an der Geldwertstabilität war die D-Mark-Ära also die teurere.
Beides ist wahr, und beides beschreibt etwas anderes. Der Langfristvergleich misst die Kaufkraft einer Währung über Jahrzehnte. Die Erinnerung misst, was am Tresen passierte. Nachhaltige Preissenkungen gab es übrigens durchaus — sie fielen nur dort an, wo man sie am wenigsten spürt: bei langlebigen Gebrauchsgütern wie Fernsehern und Computern, die man alle paar Jahre einmal kauft.
Der Rechenfehler, den die Bundesbank selbst benannt hat
Dazu kam ein zweiter Effekt, und der ist reine Arithmetik.
Fast alle rechneten im Kopf mit „mal zwei". Fünf Euro? Waren früher zehn Mark. Nur stimmt das nicht: Fünf Euro sind 9,78 Mark. Wer verdoppelt, erhält systematisch einen zu hohen Mark-Betrag.
Die Bundesbank hat das ausgerechnet und in ihrem Monatsbericht vom Januar 2004 festgehalten: Die vielfach nach der Faustregel 1:2 vorgenommene Umrechnung ergibt angesichts des tatsächlichen Konversionsfaktors von 1,95583 einen um 2,3 Prozent überhöhten Wert — und wirkt sich damit zu Ungunsten des Euro aus.
Jeder Preisvergleich im Kopf machte den Euro also ein bisschen teurer, als er war. Bei jedem Einkauf. Über Jahre. Und Ende 2002 gaben mehr als drei Viertel der Befragten an, die alte Währung noch immer als Rechenhilfe zu benutzen.
Die Bundesbank verweist außerdem auf Experimente von Wirtschafts- und Sozialpsychologen: Selbst bei völlig korrekter Umrechnung durch den Anbieter nahmen Verbraucher häufig eine Preissteigerung wahr. Der Effekt war stärker bei Menschen, die von der Umstellung ohnehin einen Preisschub erwarteten — Rechenfehler fallen seltener auf, wenn ihr Ergebnis zu den eigenen Erwartungen passt. Die Fachliteratur nennt das „selektive Fehlerkorrektur".
Warum der Index es nicht zeigen konnte
Der interessanteste Befund kam 2005, und er kam ausgerechnet aus dem Statistischen Bundesamt selbst. Es druckte einen Aufsatz von Hans Wolfgang Brachinger, der gemeinsam mit dem Amt einen Index der wahrgenommenen Inflation berechnet hatte — auf Basis der Prospect Theory von Kahneman und Tversky, aber gerechnet mit den echten amtlichen Preisdaten, nicht mit Umfragen.
Das Ergebnis: Im Juni und Juli 2001 lag die wahrgenommene Inflation bei 8,8 Prozent, während der Verbraucherpreisindex um die zwei Prozent pendelte. Im Januar 2002, dem Monat der Umstellung, sprang sie auf 10,6 Prozent. Über den gesamten Zeitraum Januar 2001 bis Juni 2002 lag die wahrgenommene Teuerung bei 6,6 Prozent gegenüber 1,8 Prozent im amtlichen Index — mehr als das Dreieinhalbfache. Ab Juli 2002 fiel sie wieder auf das Niveau des Index zurück.
Der Grund dafür ist strukturell und hat mit Einbildung nichts zu tun. 2001 stiegen ausgerechnet die Preise jener Güter überdurchschnittlich, die man überdurchschnittlich häufig kauft. Brachinger nennt es eine in der jüngeren Vergangenheit nie dagewesene positive Korrelation zwischen Preisveränderung und Kaufhäufigkeit.
Der Verbraucherpreisindex kann so etwas gar nicht abbilden, weil er nach Ausgaben gewichtet, nicht nach Kaufhäufigkeit. Die vier am häufigsten gekauften Dinge im deutschen Warenkorb waren die Tageszeitung im Einzelverkauf, Zigaretten, Bier im Ausschank und Brötchen; drei davon haben ein winziges Ausgabengewicht. Die vier ausgabenstärksten Posten waren zwei Wohnungsgrößen, Normalbenzin und Reisen — alle vier kauft man selten.
Brachingers Schluss ist bemerkenswert fair: Wenn Wahrnehmung und amtliche Zahl auseinanderfallen, muss sich keine der beiden Seiten irren. Der Index misst die Geldwertstabilität einer Volkswirtschaft. Er war nie dafür gebaut, abzubilden, wie sich Einkaufen anfühlt. „Das kann man dem VPI nicht vorhalten."
Ganz einig ist sich die Forschung bis heute nicht. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle fand Hinweise, dass die Bargeldeinführung zu einem Sprung des Preisniveaus beigetragen hat. Das Wiener WIFO fand insgesamt keinen stärkeren preistreibenden Effekt, wohl aber Erhöhungen mit Schwerpunkt im Dienstleistungssektor. Und eine Prognose aus dem Herbst 2001 hatte für Anfang 2002 sogar sinkende Preise erwartet, weil der Handel auf attraktive Euro-Schwellenpreise abrunden werde.
Der Abschied, an den sich fast alle falsch erinnern
Fast jeder erinnert sich an den 28. Februar 2002 als das Ende der D-Mark. Das war es nicht.
Das Gesetz über die Beendigung der Zahlungsmitteleigenschaft legte fest: Mit Ablauf des 31. Dezember 2001 verloren die D-Mark-Banknoten und -Münzen ihre Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel. Punkt. Die EU-Verordnung hätte einen Parallelumlauf von bis zu sechs Monaten erlaubt — Deutschland nutzte diesen Spielraum bewusst nicht, um Handel und Banken die Doppelbelastung zu ersparen.
Der 28. Februar war kein Gesetz, sondern eine freiwillige Selbstverpflichtung: Kreditwirtschaft, Handel und Automatenwirtschaft hatten in einer gemeinsamen Erklärung zugesagt, D-Mark im Januar und Februar weiter anzunehmen. Bezahlen konnte man in Mark, Wechselgeld gab es nur in Euro. Verpflichtet war niemand. In den meisten Geschäften wurde ohnehin schon Ende Januar fast nur noch in Euro gezahlt.
Zwölf Milliarden, die nie zurückkamen
Zum 31. Dezember 2025 waren noch 12,13 Milliarden D-Mark nicht umgetauscht: 5,61 Milliarden in Scheinen, 6,52 Milliarden in Münzen. Im Jahr 2025 kamen 53,1 Millionen Mark zurück, gut 27 Millionen Euro wert.
Sie können auch heute noch getauscht werden — zeitlich unbefristet, betraglich unbegrenzt und gebührenfrei bei der Deutschen Bundesbank, in einer ihrer Filialen oder per Post. Normale Banken dürfen es nicht. Und das ist europaweit die Ausnahme: Frankreich schloss den Umtausch im Februar 2012, Italien im Dezember 2011, Griechenland im März 2012, Spanien 2021, Portugal 2022. Wer eine alte Drachme findet, hat ein Sammlerstück. Wer eine alte Mark findet, hat Geld.
Zwanzig weitere Kurse, alle nach derselben Regel
Die 1,95583 ist in Deutschland die bekannteste Zahl dieser Art, aber sie ist eine von inzwischen einundzwanzig. Alle folgen derselben Vorschrift, und nebeneinandergelegt zeigen sie, wie unterschiedlich sechs signifikante Stellen aussehen können.
Am 31. Dezember 1998 wurden elf Kurse gleichzeitig festgeschrieben: neben der D-Mark der österreichische Schilling mit 13,7603, der belgische und der luxemburgische Franc mit jeweils 40,3399, die spanische Peseta mit 166,386, die Finnmark mit 5,94573, der französische Franc mit 6,55957, das irische Pfund mit 0,787564, die italienische Lira mit 1936,27, der niederländische Gulden mit 2,20371 und der portugiesische Escudo mit 200,482.
Man sieht die Regel hier deutlicher als an einem einzelnen Wert. Die Lira hat keine Nachkommastelle, das irische Pfund sechs — beide haben sechs signifikante Ziffern. Und dass Belgien und Luxemburg denselben Kurs teilen, ist kein Druckfehler: Beide Franc standen seit Jahrzehnten in einer Währungsunion im Verhältnis eins zu eins.
Danach kam alle paar Jahre einer dazu. Griechenland 2001 mit 340,750 Drachmen. Slowenien 2007 mit 239,640 Tolar. Zypern und Malta 2008 mit 0,585274 und 0,429300. Die Slowakei 2009 mit 30,1260 Kronen, Estland 2011 mit 15,6466, Lettland 2014 mit 0,702804 Lats, Litauen 2015 mit 3,45280 Litas, Kroatien 2023 mit 7,53450 Kuna.
Für jeden dieser Kurse gilt bis heute, was 1997 für die ersten elf festgelegt wurde: nicht runden, nicht kürzen, keinen Kehrwert bilden, und zwischen zwei Altwährungen immer den Umweg über den Euro nehmen. Wer alte Peseten in alte Lire umrechnen will, rechnet zuerst in Euro. Deshalb liefert ein Umrechner, der einen einzigen Dreisatz bildet, bei großen Beträgen andere Ergebnisse als einer, der sich an die Verordnung hält.
Bemerkenswert ist dabei, wie lange diese Regeln gültig bleiben. Die Verordnung von 1997 ist älter als der Euro selbst, sie hat elf Währungsumstellungen überdauert, und sie regelt noch heute, wie eine Kuna oder ein Lats umzurechnen ist — Jahrzehnte, nachdem der letzte Schein davon eingezogen wurde.
Die Zahl lebt noch
Und dann ist da noch dieses Detail, an dem man merkt, dass Geschichte selten sauber endet.
Am 1. Januar 2026 hat Bulgarien den Euro eingeführt. Der Umrechnungskurs des Lew wurde festgelegt auf: 1,95583.
Dieselbe Zahl. Kein Zufall — Bulgarien hatte seine Währung in den neunziger Jahren an die D-Mark gekoppelt, und diese Bindung wanderte über den Wechselkursmechanismus unverändert in den Eurobeitritt hinein. Die Zahl, die 2002 in Deutschland zum Symbol für ein Gefühl wurde, ist seit 2026 wieder geltendes Recht — sechs signifikante Stellen, in einem anderen Land.
Wer bis heute in Mark umrechnet, ist damit übrigens nicht allein, und die Statistik kennt dieses Verhalten genau. Brachinger hat es als eigenes Modell gerechnet: Wer den letzten DM-Preis als festen Bezugspunkt behält, nimmt seit 2005 im Schnitt 14,7 Prozent Inflation wahr. Ein erheblicher Teil davon sind allerdings schlicht die Preissteigerungen von inzwischen fast einem Vierteljahrhundert, die mit der Währungsumstellung nichts zu tun haben.
Quellen
- Verordnung (EG) Nr. 1103/97 des Rates vom 17.06.1997, ABl. L 162 vom 19.06.1997, S. 1–3Artikel 4 und 5 sowie Erwägungsgründe 10 und 12: sechs signifikante Stellen, Rundungs- und Kürzungsverbot, Verbot inverser Kurse, Dreiecksweg über den Euro, Aufrundung bei Ergebnis genau in der Mitte.
- Verordnung (EG) Nr. 2866/98 des Rates vom 31.12.1998, ABl. L 359 vom 31.12.1998, S. 1–2Unwiderruflich festgelegte Umrechnungskurse, berechnet aus den ECU-Tageskursen vom 31.12.1998.
- Gesetz über die Beendigung der Zahlungsmitteleigenschaft (DMBeEndG), Art. 1 des Gesetzes vom 16.12.1999, BGBl. I S. 2402, § 1Ende der Zahlungsmitteleigenschaft mit Ablauf des 31.12.2001.
- Statistisches Bundesamt, WiSta 1/2003, „Preisentwicklung 2002"Verbraucherpreise 2002 plus 1,3 Prozent nach plus 2,5 Prozent 2001.
- Deutsche Bundesbank, Monatsbericht Januar 2004, „Der Euro und die Preise: zwei Jahre später", S. 15 ff.Höchstens 0,3 Prozentpunkte, Friseur-Sonderauswertung, die 2,3 Prozent der Faustregel 1:2, selektive Fehlerkorrektur, Flash-Eurobarometer. Der Beitrag steht in der Gesamtausgabe Januar 2004 ab Seite 15; für die Einzelausgabe existiert keine dauerhaft stabile Direktadresse, deshalb der Verweis auf das Monatsberichts-Archiv.
- Statistisches Bundesamt, WiSta 9/2005, Brachinger, „Der Euro als Teuro? Die wahrgenommene Inflation in Deutschland"Index der wahrgenommenen Inflation, Korrelation 0,0971, DM-Anker-Modelle.
- Axel Lindner, IWH, „Preisniveaueffekte der Euro-Bargeldeinführung", Wirtschaft im Wandel 8(4)/2002, S. 99–101
- Wolfgang Pollan, WIFO-Monatsberichte 75(10)/2002, S. 633–640
- Deutsche Bundesbank, FAQ zu DM-Banknoten und Umtauschzahlen zum 31.12.2025
- EZB, Übersicht der Umtauschfristen nationaler Währungen; Pressemitteilung vom 08.07.2025 zum Umrechnungskurs des bulgarischen LewDie Übersicht der Umtauschfristen aller Altwährungen steht unter ecb.europa.eu/euro/exchange.
- Deutsche Bundesbank, „Das Euro-Bargeld wird 20" und Pressemitteilung „10 Jahre Euro-Bargeld"Zahlen zur Bargeldlogistik: Frontloading der Kreditinstitute ab September 2001; für Deutschland bis Ende 2001 4,3 Mrd. Banknoten im Wert von 264,9 Mrd. Euro gedruckt und 17 Mrd. Münzen im Wert von rund 5,3 Mrd. Euro geprägt; 53,5 Mio. Starter-Kits ab dem 17.12.2001. Die Kampagne „Her mit den Schlafmünzen" mit Günther Jauch ab Mai 2001 brachte bis Jahresende 11,6 Mrd. D-Mark-Münzstücke zurück.
- Deutsche Bundesbank, Monatsbericht März 2002, Exkurs „Euro-Bargeldeinführung und Preisumstellung"Definiert die Begriffe: glatte Preise enden auf 0 oder 5, Schwellenpreise auf 8 oder 9. Hält fest, dass die exakte Umrechnung solcher Preise mit dem Faktor 1,95583 in der Regel zu einem krummen Ergebnis führt — der strukturelle Kern der Preisumstellungsdebatte.
- Deutsche Bundesbank, Monatsbericht Juli 2002, „Die Verbraucherpreise beim Übergang zum Euro"Misst das Preisbild ein halbes Jahr nach der Umstellung: Schwellenpreise blieben deutlich hinter ihrer Bedeutung zu D-Mark-Zeiten zurück, runde Preise gewannen an Gewicht, bei höherpreisigen Gütern erreichten krumme Preise rund 30 Prozent. Warnt ausdrücklich davor, daraus schon eine dauerhafte Änderung des Preissetzungsverhaltens abzuleiten.
- Statistisches Bundesamt, WiSta 3/2002, „Einfluss des Euro auf die Preisentwicklung in Deutschland"Amtliche Definition der „attraktiven" Preise und der Begriff „euro-induziert" für Änderungen, die von einem attraktiven D-Mark-Preis auf einen attraktiven Euro-Preis führen. Grenzt ausdrücklich ab, dass nicht jede Preisänderung dieses Zeitraums der Umstellung zuzurechnen ist.
- Statistisches Bundesamt, Untersuchung „Preisentwicklung vor und nach der Bargeldumstellung" (2011/2012)Langfristvergleich: 1,6 Prozent durchschnittliche jährliche Teuerung seit 2002 gegenüber 2,2 Prozent in den zehn Jahren davor und 2,6 Prozent über die gesamte D-Mark-Zeit ab 1948. Zur Gastronomie: zwischen Juli 2001 und Juli 2002 im Mittel plus vier Prozent, vereinzelt aber Erhöhungen bis zu 100 Prozent und häufiger Aufschläge zwischen 20 und 40 Prozent.
