Was ein Pfund wirklich wiegt
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Ein Wort, das es amtlich nicht gibt
An der Fleischtheke wird ein Pfund Hackfleisch verlangt. Im Rezept steht ein Pfund Mehl. Auf der Waage sind fünf Pfund runter.
Das Pfund ist in Deutschland keine gesetzliche Einheit. Es steht in keiner Tabelle des Einheiten- und Zeitgesetzes, es hat kein Einheitenzeichen, und im geschäftlichen Verkehr darf eine Ware nicht allein in Pfund ausgezeichnet werden. Trotzdem benutzt es fast jeder, und niemand missversteht es.
Wie es dazu kam, ist eine Geschichte über ein Wort, das mehrfach abgeschafft wurde und jedes Mal wiederkam. Sie enthält ein Gesetz, das das Pfund angeblich beseitigte und es in Wahrheit definierte, drei verschiedene Jahreszahlen für seine Abschaffung, und eine Zahl, die in Deutschland und in den Vereinigten Staaten um fast neun Prozent auseinanderliegt — bei identischem Wort.
Das Gesetz, das das Pfund abgeschafft haben soll
Die Maß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868 gilt als der Moment, in dem Deutschland metrisch wurde. Unterzeichnet in Homburg vor der Höhe, gegengezeichnet von Bismarck. Sie führte Meter, Liter und Gramm ein und räumte mit den jahrhundertealten Lokalmaßen auf.
Im Volltext, der auf Wikisource frei zugänglich ist, steht in Artikel 6 dieser Satz:
Ein halbes Kilogramm heißt das Pfund.
Und direkt danach: Fünfzig Kilogramm oder hundert Pfund heißen der Zentner. Tausend Kilogramm oder zweitausend Pfund heißen die Tonne.
Das Gesetz, das dem Pfund den Garaus gemacht haben soll, hat es amtlich festgeschrieben. Nicht geduldet, nicht übergangsweise zugelassen — definiert, im Gesetzestext, gleichrangig neben dem Zentner und der Tonne.
Der Grund dafür ist praktisch. Man wollte den Menschen die Umstellung erleichtern, indem man den vertrauten Wörtern neue, runde Werte gab. Das Pfund wurde nicht abgeschafft, es wurde umdefiniert. Aus einem Gewicht, das von Stadt zu Stadt schwankte, wurde ein exakt halbes Kilogramm.
Dieselbe Ordnung erfand auch Wörter wie das Neuloth für zehn Gramm. Das war gut gemeint — und es sollte sich als Fehler erweisen.
Vorher: in Nürnberg schwerer als in Berlin
Um zu verstehen, was 1868 gewonnen war, hilft ein Blick auf den Zustand davor.
Das Wort geht auf das lateinische libra pondo zurück, ein römisches Pfund an Gewicht. Aus pondo wurde das deutsche Pfund, aus libra die bis heute gebräuchliche englische Abkürzung lb. Zwei Wörter für dieselbe Sache, in zwei Sprachen weiterentwickelt — das erklärt, warum die Abkürzung nicht zum Wort passt.
Im Mittelalter war das Pfund in ganz Europa verbreitet, aber sein Gewicht wich von Stadt zu Stadt ab. In Nürnberg wog es gut 510 Gramm, in Berlin nur etwa 467, in Paris rund 489,5. Wer zwischen beiden Städten handelte, handelte mit zwei verschiedenen Pfunden.
Damit nicht genug: Am selben Ort galten für verschiedene Waren verschiedene Pfunde. Das Krämergewicht teilte sich in 32 Lot zu 128 Quentchen. Das Apotheker- oder Medizinalpfund dagegen zerfiel in 12 Unzen, 96 Drachmen, 288 Skrupel und 5760 Gran — eine völlig andere Einteilung mit einem völlig anderen Gesamtgewicht. Apotheker und Juweliere behielten ihre eigenen Gewichte bis weit ins 19. Jahrhundert.
Im Amt Lingen entsprach ein Zentner Schlachtergewicht 106 Pfund kölnischen Gewichts. Dasselbe Fleisch, zwei Zahlen, je nachdem, wer wog.
Das Zollpfund — und ein Datum, das niemand festhalten kann
Der erste ernsthafte Aufräumversuch kam nicht aus der Wissenschaft, sondern aus dem Zoll. Wer Waren über Landesgrenzen verzollen will, braucht ein Gewicht, auf das sich beide Seiten einigen. Der Deutsche Zollverein führte deshalb nach französischem Vorbild ein dezimales Zollpfund zu 500 Gramm ein.
Wann genau, lässt sich erstaunlich schwer sagen.
Die deutschsprachige Wikipedia und praktisch alle Seiten, die von ihr abschreiben, nennen 1854. Spezialisierte Darstellungen zum preußischen Maßwesen nennen dagegen das preußische Gesetz vom 17. Mai 1856, das das alte Pfund aufhob — wirksam allerdings erst zum 1. Juli 1858. Ein Münzlexikon datiert die Einführung als Münzgrundgewicht auf 1857, mit dem Wiener Münzvertrag.
Alle vier Jahreszahlen sind vermutlich richtig, und sie meinen Verschiedenes: den Beschluss im Zollverein, das preußische Umsetzungsgesetz, die Übernahme als Münzgewicht, das Wirksamwerden als allgemeines Landesgewicht. Wer eine einzelne Jahreszahl als die Einführung des 500-Gramm-Pfunds liest, liest eine Vereinfachung.
Bemerkenswert ist, wie groß der Sprung war. Das neue Zollpfund war rund sieben Prozent schwerer als das abgelöste preußische. Wer bis gestern ein Pfund Mehl gekauft hatte, bekam ab jetzt spürbar mehr für dasselbe Wort. Und ein Zentner, der vorher gut 46,8 Kilogramm gewogen hatte, wog plötzlich glatte 50.
Ganz nebenbei zeigt sich hier, dass die Vereinheitlichung kein reines Aufräumen war: Sie verschob reale Mengen in realen Geschäften.
Wie man ein Gewicht durchsetzt
Ein Gesetz zu beschließen ist das eine. Dafür zu sorgen, dass in zehntausenden Läden richtige Gewichte auf richtigen Waagen liegen, ist das andere — und dieser Teil der Geschichte wird selten erzählt.
Die Maß- und Gewichtsordnung von 1868 richtete dafür eine eigene Behörde ein, die Normal-Eichungskommission. Sie sollte, wie es im Gesetz heißt, alsbald nach der Verkündung tätig werden, um die Eichungsbehörden rechtzeitig in den Stand zu setzen, die ihnen vorgelegten Maße und Gewichte zu prüfen und zu stempeln. Die Eichordnung folgte 1869. Ab dem 1. Januar 1870 durfte nach den neuen Vorschriften geeicht werden, ab dem 1. Januar 1872 galten sie im öffentlichen Verkehr. Zwei Jahre Vorlauf, bevor das Gesetz überhaupt griff.
Dazu kamen Regeln, die zeigen, wie ernst die Sache genommen wurde. Der Bundesrat legte in einer eigenen Bekanntmachung fest, welche Abweichungen von der absoluten Richtigkeit bei Maßen, Gewichten und Waagen im öffentlichen Verkehr noch zu dulden waren — nach oben wie nach unten. Wer diese Grenzen überschritt, dessen Gewicht galt als unrichtig und war zum Gebrauch im Verkehr unzulässig. Neben der ersten Eichung gab es eine periodische Nacheichung, und die Länder bestimmten selbst, welche Gewerbetreibenden sie wie oft vorlegen mussten.
Wer trotzdem mit falschen Gewichten arbeitete, hatte es nicht mit dem Eichamt allein zu tun. Falsches Maß war eine Übertretung nach § 369 des Strafgesetzbuchs.
Diese Infrastruktur war keine Erfindung des Kaiserreichs. In Lingen etwa gab es bereits seit 1836 ein städtisches Eichamt, das bis 1912 Bestand hatte — ein halbes Jahrhundert vor der Reichseinheit und ein halbes Jahrhundert danach.
Man kann daran ablesen, warum solche Umstellungen Jahrzehnte dauern. Nicht das Rechnen ist das Problem, sondern die Menge an Metall, die in Umlauf ist. Jedes Gewichtsstück in jedem Laden musste geprüft, gestempelt und irgendwann ersetzt werden. Wer heute darüber klagt, dass eine Norm sich langsam durchsetzt, kann sich an den Fristen von 1884 orientieren: Die letzten alten Stücke durften bis 1896 nachgeeicht werden — achtundzwanzig Jahre nach dem Gesetz.
Ergebnis
1 Kilometer = 1.000 Meter
1 Kilometer = 1.000 Meter
Alle Umrechnungen
1884: die Streichung auf der Insel Mainau
Sechzehn Jahre nachdem die Maß- und Gewichtsordnung das Pfund amtlich definiert hatte, wurde sie geändert. Kaiser Wilhelm I. unterzeichnete das Gesetz, betreffend die Abänderung der Maaß- und Gewichtsordnung, am 11. Juli 1884 auf der Insel Mainau im Bodensee. Es steht im Reichsgesetzblatt auf Seite 115.
Der neue Wortlaut beginnt nüchtern: Die Grundlage des Maßes und Gewichtes ist das Meter. Das Meter ist die Einheit des Längenmaßes.
Was in dieser Neufassung fehlt, ist entscheidend. Die Nebenbezeichnungen sind weg. Kein Satz mehr, der das halbe Kilogramm zum Pfund erklärt. Kein Neuloth, kein Neu-Zoll, kein Stab.
Die gut gemeinte Brücke von 1868 hatte nicht funktioniert. Statt den Übergang zu erleichtern, hielten die alten Wörter die alten Vorstellungen am Leben und sorgten für neue Verwirrung — weil dasselbe Wort je nach Sprecher das alte oder das neue Gewicht meinen konnte. 1884 zog der Gesetzgeber die Konsequenz und strich sie.
Wie zäh das Alte war, zeigen die Übergangsfristen. Ältere Gewichtsstücke durften noch bis zum 31. Dezember 1886 geeicht und gestempelt werden, zur Nacheichung bis zum 31. Dezember 1896. Bestimmte Stücke aus dem alten Pfundsystem wurden im öffentlichen Verkehr allgemein bis zum 31. Dezember 1888 geduldet. Und einzelne Gegenstände — solche mit den Aufschriften Kette, Stab, Kanne, Schoppen, Faß, Scheffel oder Neuloth — wurden ausdrücklich von jeder weiteren Verlängerung ausgenommen.
Man kann diesen Listen ansehen, dass hier nicht abstrakt reguliert, sondern um jedes Gewichtsstück in jedem Laden gerungen wurde.
Warum drei verschiedene Jahre kursieren
Damit lässt sich der Widerspruch auflösen, an dem die meisten Darstellungen scheitern. Wer nach dem Ende des Pfunds sucht, findet drei Jahreszahlen:
1868 — die Maß- und Gewichtsordnung führt das metrische System ein und ersetzt das Pfund als eigenständige Gewichtseinheit durch das Kilogramm. Richtig, aber unvollständig: Dasselbe Gesetz definiert das Pfund als Nebenbezeichnung weiter.
1884 — die Nebenbezeichnungen werden gestrichen. Das ist der Zeitpunkt, an dem das Pfund aus dem Gesetzestext verschwindet. Wer schreibt, das Pfund sei 1884 verboten worden, meint diesen Vorgang, formuliert ihn aber schärfer, als das Gesetz es tut.
1935 — taucht in einem Münzlexikon auf, das Pfund sei „noch bis 1935 als Einheit der Masse zugelassen" gewesen. Für dieses Datum ließ sich kein Beleg finden. Es könnte sich auf eine Regelung des Eichwesens beziehen, die hier nicht auffindbar war. Wir führen die Angabe auf, ohne sie zu bestätigen — lieber eine offene Lücke als eine geglättete Erzählung.
Keine der drei Zahlen ist einfach falsch. Sie beschreiben verschiedene Schritte eines Vorgangs, der sich über Jahrzehnte hinzog und in den Übergangsfristen bis 1896 hineinreichte.
Das andere Pfund
Während das deutsche Pfund aus den Gesetzen verschwand, hielt sich ein zweites Pfund hartnäckig — und wiegt bis heute etwas anderes.
Das angloamerikanische Pfund geht auf denselben römischen Ursprung zurück, hat aber einen völlig anderen Weg genommen. Es teilt sich nicht dezimal, sondern in 16 Unzen zu insgesamt 7000 Gran. Daneben existiert bis heute das Troy-Pfund für Edelmetalle mit nur 5760 Gran — dieselbe Doppelung von Krämer- und Juweliergewicht, die es auch im deutschen Sprachraum gab, nur dass sie dort nie abgeschafft wurde.
Lange war auch das englische Pfund kein exakter Wert, sondern hing an einem Metallstück. 1834 brannte der Palace of Westminster, und mit ihm verbrannten die Prototypen, die Yard und Pfund definierten. Neue Normale wurden angefertigt, zwei Kopien des neuen Yardstabs gingen in die Vereinigten Staaten. Von da an gab es zwei Länder, die dasselbe Maß aus zwei verschiedenen Metallstücken ableiteten.
Das musste auseinanderdriften, und es tat es. Der amerikanische Yard war schließlich etwa 2,8 Millionstel länger als der britische. Für den Alltag belanglos, für Luftfahrt und Maschinenbau nicht.
Am 1. Juli 1959 einigten sich deshalb Australien, Kanada, Neuseeland, Südafrika, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten auf gemeinsame Werte: das Yard auf exakt 0,9144 Meter, das Avoirdupois-Pfund auf exakt 0,45359237 Kilogramm.
Die Verschiebung war winzig und trotzdem messbar. Das neue internationale Pfund war rund sechs Zehnmillionstel Kilogramm leichter als das bisherige Imperial-Pfund. Vorher hatten die Vereinigten Staaten seit der Mendenhall Order von 1893 mit dem Verhältnis 2,20462 Pfund je Kilogramm gerechnet.
Ein Detail, das oft falsch wiedergegeben wird: Dies war kein völkerrechtlicher Vertrag. Es war eine abgestimmte Erklärung der nationalen Normungsinstitute, die anschließend in den beteiligten Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten in nationales Recht überführt wurde. Formulierungen wie „sechs Nationen unterzeichneten ein Abkommen" legen mehr staatsrechtliches Gewicht hinein, als der Vorgang hatte.
Bemerkenswert ist die Richtung: Das englische Pfund wird seit 1959 über das Kilogramm definiert. Die Einheit, die als Gegenmodell zum metrischen System gilt, hängt an dessen Normal.
Das Pfund, das Geld wurde
Es gibt eine zweite Sorte Pfund, die noch älter ist als das Gewicht in seiner heutigen Form — und sie liegt jedem Briten im Portemonnaie.
Der angelsächsische König Offa von Mercien führte im späten 8. Jahrhundert den Silberpenny ein und orientierte sich dabei an den karolingischen Denaren des Festlands. Aus einem Pfund Silber wurden genau 240 dieser Münzen geprägt. Die Zahl 240 stammt aus der karolingischen Münzreform, die das Pfund in 20 Solidi zu je 12 Denaren teilte — daher die bis 1971 gebräuchlichen Abkürzungen s für Shilling und d für Penny, beide aus dem Lateinischen.
Das Pfund Sterling war damit ursprünglich weder eine Münze noch eine Gewichtseinheit, sondern eine Zähleinheit: 240 Silberpfennige, deren Gesamtmasse etwa einem Pfund entsprach. Wer im Mittelalter eine große Summe zu zahlen hatte, zählte nicht — er wog. Bis 1489 wurden Zahlungen in Pfund Sterling für Handelsgeschäfte tatsächlich abgewogen.
Der Zusammenhang zwischen Gewicht und Geld steckt bis heute im Währungszeichen. Das £ ist ein geschwungenes L und steht für libra, dasselbe lateinische Wort, aus dem die englische Gewichtsabkürzung lb kommt. Dieselbe Wurzel trägt die italienische Lira und die französische Livre. Drei Währungen, ein Gewicht.
Auch hier haben die Quellen ein Zahlenproblem. Für das karolingische Pfund, aus dem die 240 Pennies geschlagen wurden, kursieren rund 406,5 Gramm und etwa 450 Gramm; das englische Towerpfund und das bis heute für Edelmetalle verwendete Troypfund zu 373,24 Gramm sind noch einmal andere Werte. Der Grund ist derselbe wie bei allen alten Gewichten: Es gab kein einheitliches Pfund, aus dem man hätte prägen können — man prägte aus dem, was vor Ort galt.
Und die Münzen selbst blieben nicht, was sie waren. Beim Nachwiegen fanden sich selten exakt 240 Stück im Pfund. Weiches Silber nutzte sich ab, schwerere Stücke wurden aussortiert, und die Obrigkeit selbst verschlechterte den Silbergehalt, wenn Geld gebraucht wurde. Die Zähleinheit löste sich langsam von dem Gewicht, nach dem sie benannt war — bis nur noch der Name übrig blieb.
Das Pfund Sterling ist damit ein Musterfall dafür, was mit Maßeinheiten passiert, wenn niemand nachmisst: Es heißt bis heute nach einem Gewicht, mit dem es seit Jahrhunderten nichts mehr zu tun hat.
Neun Prozent Unterschied bei gleichem Wort
Damit steht die Zahl, um die es beim Kochen und beim Einkaufen tatsächlich geht:
Ein deutsches Pfund sind 500 Gramm. Ein amerikanisches oder britisches Pfund sind 453,59237 Gramm. Der Unterschied beträgt 46,4 Gramm oder gut neun Prozent.
Bei einem amerikanischen Rezept, das ein Pfund Butter verlangt, liegt man mit zwei deutschen Päckchen zu 250 Gramm also um fast ein Zehntel darüber. Bei einem Braten von fünf Pfund macht es schon 232 Gramm aus.
Der umgekehrte Fall ist der beim Körpergewicht. Wer im Ausland liest, jemand wiege 180 Pfund, denkt in Deutschland leicht an 90 Kilogramm. Tatsächlich sind es rund 81,6.
Was heute erlaubt ist — und was nicht
Der Rechtsstand ist präziser, als die verbreitete Kurzfassung „das Pfund ist verboten" nahelegt.
Maßgeblich ist heute das Einheiten- und Zeitgesetz, ursprünglich als Gesetz über Einheiten im Messwesen vom 2. Juli 1969 erlassen und seither mehrfach neugefasst. Es bestimmt: Im geschäftlichen und amtlichen Verkehr sind Größen in gesetzlichen Einheiten anzugeben. Welche das sind, legt nicht das Gesetz selbst fest, sondern die Einheitenverordnung vom 13. Dezember 1985 — es sind die SI-Einheiten und einige zugelassene Zusätze. Das Pfund ist nicht darunter.
Der entscheidende Satz steht dann in Paragraf 3 dieser Verordnung, und er ist präziser, als die verbreitete Kurzfassung vermuten lässt: Soweit Größen in gesetzlichen Einheiten anzugeben sind, ist die zusätzliche Verwendung anderer als der gesetzlichen Einheiten nur gestattet, wenn die Angabe in der gesetzlichen Einheit hervorgehoben ist.
Das heißt konkret: Ein Preisschild mit „1 Pfund" allein ist nicht zulässig. Ein Preisschild mit „500 g" und daneben, weniger hervorgehoben, „(1 Pfund)" ist es. Der gesprochene Satz an der Fleischtheke fällt ohnehin nicht unter die Auszeichnungspflicht — verboten ist das Wort also nirgends, es darf nur nicht allein die Menge bezeichnen.
Auch hier lohnt es, die Daten auseinanderzuhalten. Das Gesetz wurde am 2. Juli 1969 ausgefertigt und 1985 neugefasst. Die heute geltende Einheitenverordnung stammt vom 13. Dezember 1985 und gilt seit dem 1. Januar 1986; die ursprüngliche Fassung von 1970 war ungleich ausführlicher und enthielt noch Umrechnungen und Übergangsfristen für die veralteten Einheiten. Wer eine einzelne Jahreszahl nennt — 1969, 1970, 1978, 1985 —, meint jeweils etwas anderes. Es ist derselbe Effekt wie beim Zollpfund hundert Jahre zuvor.
Warum das Wort überlebt hat
Ein Wort verschwindet nicht, weil es aus einem Gesetzestext gestrichen wird.
Das Pfund hatte, als es 1884 aus der Maß- und Gewichtsordnung flog, bereits über tausend Jahre Sprachgeschichte hinter sich. Es steckt in Redewendungen — wer mit seinem Pfund wuchert, tut das in Anlehnung an das biblische Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Dasselbe Wort bezeichnet dort eine Silbermenge und eine Begabung, genau wie das Wort Talent.
Es steckt außerdem in einer Größenordnung, die zum menschlichen Alltag passt. Ein Pfund ist eine Portion. Ein halbes Kilogramm klingt nach Messung, ein Pfund nach Einkauf. Dass der Zentner in Deutschland 50 Kilogramm hat und in Österreich und der Schweiz 100, ist der Nachhall derselben Geschichte: Der deutsche Zentner blieb an das Pfund gekoppelt, das anderswo nie in dieser Form existierte.
Und schließlich hat das Wort im deutschen Sprachraum den seltenen Vorzug, exakt zu sein. Es sind glatte 500 Gramm — kein krummer Wert, kein regionaler Unterschied mehr, keine Verwechslungsgefahr, solange man im Land bleibt. Die Vereinheitlichung von 1858 war so gründlich, dass das Wort auch ohne gesetzliche Grundlage eindeutig blieb.
Genau das ist der Grund, warum es überlebt hat und das Neuloth nicht. Beide wurden 1868 eingeführt und 1884 gestrichen. Das eine hatte tausend Jahre Vorlauf und eine handliche Größe, das andere war eine Erfindung vom Reißbrett.
Woran ein Pfund heute hängt
Bleibt die Frage, woran das Ganze eigentlich befestigt ist.
Von 1889 an war das Kilogramm ein Gegenstand: ein Zylinder aus Platin-Iridium, 39 Millimeter hoch und 39 Millimeter im Durchmesser, verwahrt in einem Tresor bei Paris. Per Definition wog er exakt ein Kilogramm. Alle anderen Massen der Welt wurden durch Vergleichswägungen daran angeschlossen — auch das deutsche Pfund, auch das amerikanische.
Das Verfahren hatte einen Haken, der sich erst über Jahrzehnte zeigte. Bei den regelmäßigen Vergleichen mit den offiziellen Kopien wurden fast alle Kopien im Verhältnis zum Urkilogramm scheinbar schwerer. Warum, lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Es könnte am Urkilogramm liegen, es könnte an den Kopien liegen — feststellen lässt es sich nicht, denn der Maßstab war ja das Urkilogramm selbst. Ein Prototyp kann nicht falsch sein; er kann nur unbrauchbar werden.
Am 16. November 2018 beschloss die Generalkonferenz für Maß und Gewicht in Versailles deshalb, das Kilogramm über eine Naturkonstante zu definieren: die Planck-Konstante h. In Kraft trat die neue Definition am 20. Mai 2019, dem Weltmetrologietag. Seither ist das Kilogramm kein Gegenstand mehr, sondern ein Rechenweg — und jedes hinreichend ausgestattete Labor kann es selbst darstellen, ohne den Tresor bei Paris zu fragen.
Für die Waage in der Küche änderte sich nichts. Für die Frage, was ein Pfund ist, änderte sich alles: Das amerikanische Pfund ist seit 1959 über das Kilogramm definiert, das Kilogramm seit 2019 über eine Quantenkonstante. Damit hängt auch das Maß, das als Gegenmodell zum metrischen System gilt, an der Planck-Konstante.
Das deutsche Pfund hängt an derselben Konstante — nur ohne gesetzliche Grundlage. Es ist ein halbes von etwas, das exakt definiert ist, und es steht in keinem Gesetz.
Was bleibt
Das Pfund ist in Deutschland seit 1884 keine gesetzliche Bezeichnung mehr, seit 1969 gilt eine Rechtslage, die es aus der Warenauszeichnung heraushält, und seit 1858 ist es das, was fast jeder darunter versteht: ein halbes Kilogramm. Drei Daten, drei verschiedene Aussagen, kein Widerspruch.
In den Vereinigten Staaten heißt dasselbe Wort 453,59237 Gramm, festgelegt 1959 und seither über das Kilogramm definiert, gegen das es einmal antrat.
Was von dem Wort geblieben ist, ist eine Menge, die man in der Hand halten kann. Für ein Gesetz zu wenig, für den Alltag genug.
Quellen
- Maaß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868, Bundesgesetzbl. S. 473Volltext. Artikel 6 enthält den Satz über das halbe Kilogramm — das Gesetz, das das Pfund abgeschafft haben soll, definiert es ausdrücklich.
- Gesetz, betreffend die Abänderung der Maaß- und Gewichtsordnung, vom 11. Juli 1884, RGBl. S. 115Unterzeichnet auf der Insel Mainau. Streicht die Nebenbezeichnungen; hier verschwindet das Pfund aus dem Gesetzestext.
- Bekanntmachung betreffend die Ausführung der Bestimmungen im § 2 des Gesetzes über die Abänderung der Maaß- und Gewichtsordnung vom 30. Oktober 1884, RGBl. S. 215Übergangsfristen: Eichung bis 31. Dezember 1886, Nacheichung bis 31. Dezember 1896, Duldung im Verkehr bis 31. Dezember 1888.
- Bekanntmachung betreffend die Zulassung älterer Maaße, Meßwerkzeuge und Gewichte zur Wiederholung der Aichung und StempelungNennt die ausdrücklich ausgenommenen Bezeichnungen Kette, Stab, Kanne, Schoppen, Faß, Scheffel und Neuloth.
- Bekanntmachung betreffend die äußersten Grenzen der im öffentlichen Verkehr noch zu duldenden Abweichungen der Maaße, Gewichte und Waagen von der absoluten RichtigkeitFehlergrenzen des Eichwesens auf Grundlage von Artikel 10 der Maß- und Gewichtsordnung.
- Eichordnung für den Norddeutschen BundEichung ab 1. Januar 1870 zulässig, Geltung im öffentlichen Verkehr ab 1. Januar 1872.
- Gesetz, betreffend die Einführung der Maaß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868 in Bayern, vom 26. November 1871Beispiel für die gestaffelte Einführung; bayerische Feldmaße durften bis 1878 weitergelten.
- Einheiten- und Zeitgesetz (EinhZeitG), Ausfertigung 2. Juli 1969Verpflichtet zur Angabe in gesetzlichen Einheiten im geschäftlichen und amtlichen Verkehr.
- Einheitenverordnung (EinhV) vom 13. Dezember 1985, BGBl. I S. 2272Paragraf 3 enthält die entscheidende Regel: zusätzliche nicht gesetzliche Einheiten nur dann, wenn die gesetzliche Einheit hervorgehoben ist. Die Urfassung von 1970 war weit ausführlicher.
- International yard and poundVereinbarung vom 1. Juli 1959 über 0,9144 Meter und 0,45359237 Kilogramm; Verlust der Prototypen beim Brand von Westminster 1834.
- US Metric Association: Refinement of Values for the Yard and the PoundBekanntgabe des National Bureau of Standards; die Mendenhall Order von 1893 als Vorgängerregelung.
- preussische-masse.de: Der Weg zum metrischen MaßsystemVolltextauszug der Artikel 6 bis 9 der Maß- und Gewichtsordnung sowie zur Streichung der Nebenbezeichnungen 1884.
- preussische-masse.de: Das preußische Maß von 1816 bis 1869Preußisches Gesetz vom 17. Mai 1856, Wirksamkeit des Zollpfunds zum 1. Juli 1858, Münzgewicht ab 5. Mai 1857.
- MGM Münzlexikon: PfundKrämergewicht gegen Medizinalgewicht. Quelle der Angabe, das Pfund sei bis 1935 zugelassen gewesen — für dieses Datum ließ sich kein Beleg finden.
- Osnabrücker Geschichtsblog: Lingener Maße und GewichteStädtisches Eichamt ab 1836, Schlachtergewicht gegen kölnisches Gewicht.
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Vereinheitlichungen im KaiserreichEinordnung der Maß- und Gewichtsordnung neben der Währungsunion.
- Pfund Sterling240 Silberpennies aus einem karolingischen Pfund, Herkunft des Währungszeichens aus libra, Dezimalisierung 1971.
- Physikalisch-Technische Bundesanstalt: Das KilogrammNeudefinition über die Planck-Konstante zum 20. Mai 2019; Abmessungen des Urkilogramms.
- Lueger, Lexikon der gesamten Technik (1904): Maß- und GewichtswesenZeitgenössische Übersicht der Maßsysteme, unter anderem das russische Pfund zu 409,512 Gramm.
