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Wie das Meter erfunden wurde – und warum die berühmteste Version dieser Geschichte falsch ist

Zwei Vermesser des späten 18. Jahrhunderts mit einem Messkreis auf einer Anhöhe, im Stil eines historischen Gemäldes
Die Vermessung des Meridianbogens war sieben Jahre Feldarbeit unter freiem Himmel. Historische Darstellung.

Der Meter ist zu kurz. Um 0,2 Millimeter, verglichen mit dem, was er nach seiner eigenen Definition sein müsste. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist unstrittig und lässt sich nachrechnen.

Die Geschichte, die üblicherweise dazu erzählt wird, geht so: Ein französischer Astronom verrechnete sich in Barcelona, bemerkte es, verschwieg es aus Scham – und dieser eine vertuschte Fehler steckt bis heute in jedem Zollstock der Welt. Es ist eine großartige Geschichte. Sie hat einen Schuldigen, ein Geheimnis, einen tragischen Tod und eine Moral. Sie wurde als Buch ein Bestseller und ist in Dokumentationen, Zeitungsartikeln und Schulbüchern gelandet.

Nur ist sie in ihrer Pointe nachweislich falsch.

2019 haben zwei Geodäten den Fehler aufgeschlüsselt und einzeln zugeordnet. Ihr Ergebnis: Der Anteil, der auf die Messungen der beiden Astronomen entfällt, liegt bei unter zwei Prozent. Rund 95 Prozent der Abweichung haben eine ganz andere Ursache – eine, die im 18. Jahrhundert niemand kennen konnte.

Diese Geschichte handelt also von zwei Dingen. Von einer siebenjährigen Expedition quer durch ein Land im Bürgerkrieg. Und davon, wie hartnäckig sich eine schöne Erklärung hält, auch wenn die Rechnung längst dagegen spricht.

Worum es geht

Der Meter sollte der zehnmillionste Teil der Strecke vom Nordpol zum Äquator sein. Um diese Strecke zu bestimmen, vermaßen zwei Astronomen zwischen 1792 und 1799 den Meridianbogen zwischen Dünkirchen und Barcelona. Das Ergebnis war minimal zu kurz – und die Frage, warum, wird bis heute unterschiedlich beantwortet.

Das Problem vor dem Problem: Frankreich hatte keine Maße, es hatte Chaos

Um zu verstehen, warum jemand auf die Idee kommt, die Erde zu vermessen, um eine Längeneinheit zu definieren, muss man sich klarmachen, wie das Messen vorher funktionierte. Nämlich kaum.

Im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts existierten schätzungsweise mehrere hundert verschiedene Maßeinheiten, und schlimmer noch: dieselbe Einheit bedeutete an verschiedenen Orten verschiedene Dinge. Eine Elle in einer Stadt war nicht die Elle der Nachbarstadt. Ein Pfund Brot in einem Marktflecken war ein anderes Pfund als zwanzig Kilometer weiter. Wer Waren über Land handelte, musste umrechnen – und wer die Umrechnung kontrollierte, kontrollierte den Handel.

Das war kein Zufall und kein Versehen. Lokale Herrschaften legten die Maße fest, und mancherorts wurden sie stillschweigend zugunsten der Grundherren angepasst. Ein größerer Scheffel für die Abgabe, ein kleinerer für die Auszahlung. Maße waren Macht.

Die Idee einer einheitlichen Einheit war deshalb von Anfang an nicht nur eine wissenschaftliche, sondern eine politische. Sie zielte darauf, den Menschen ein Werkzeug in die Hand zu geben, das niemandem gehörte.

Warum die Erde und nicht ein Stab im Keller

1788 schlug Charles-Maurice de Talleyrand der Académie des sciences vor, ein neues, dezimales Maßsystem auf einer „natürlichen und unveränderlichen Grundlage" aufzubauen. 1790 billigte die Nationalversammlung das Vorhaben.

Der springende Punkt steckt in dem Wort natürlich. Man hätte einfach einen Metallstab anfertigen und in Paris einschließen können – fertig. Aber genau das wollte man nicht. Ein Stab wäre eine Setzung gewesen, eine Behauptung, und damit wieder eine Frage von Autorität. Wer garantiert, dass er nicht heimlich getauscht wird? Wer sagt, warum ausgerechnet diese Länge?

Die Einheit sollte stattdessen aus etwas abgeleitet werden, das allen gehört und das jeder prinzipiell nachprüfen kann. Deshalb der berühmte Anspruch: eine Einheit „für alle Menschen, für alle Zeiten".

Zwei Kandidaten standen zur Wahl.

Der erste war das Sekundenpendel – die Länge eines Pendels, das für einen Schwung exakt eine Sekunde braucht. Elegant und mit einfachen Mitteln reproduzierbar. Der Haken: Ein Pendel schwingt je nach lokaler Erdbeschleunigung unterschiedlich schnell. Am Äquator anders als in Paris. Die Einheit wäre also doch wieder ortsabhängig gewesen – genau das, was man loswerden wollte.

Der zweite Kandidat war die Erde selbst. Ein Meter sollte der zehnmillionste Teil der Strecke vom Nordpol über Paris bis zum Äquator sein. Der Erdquadrant, geteilt durch zehn Millionen.

Man entschied sich für die Erde. Rückblickend ist das die Entscheidung, aus der alles Weitere folgt – die Expedition, die Strapazen, der Fehler und die Debatte, die bis heute läuft.

Die Rechnung dahinter

Der Erdumfang über die Pole beträgt rund 40.000 Kilometer. Ein Viertel davon – vom Pol zum Äquator – sind 10.000 Kilometer. Geteilt durch zehn Millionen ergibt das einen Meter. Die runde Zahl 40.000 ist dabei kein Zufall der Natur: Der Meter wurde so gewählt, dass sie herauskommt.

Zwei Männer, zwei Richtungen, sieben Monate – dachten sie

Im Juni 1792 verließen zwei Astronomen Paris in entgegengesetzte Richtungen.

Jean-Baptiste Joseph Delambre zog nach Norden, Richtung Dünkirchen an der Nordsee. Pierre-François-André Méchain zog nach Süden, Richtung Barcelona. Méchain hatte den Kartografen Jean-Joseph Tranchot an seiner Seite. Zusammen sollten sie den Meridianbogen zwischen den beiden Städten vermessen, der fast genau durch Paris verläuft.

Veranschlagt waren ungefähr sieben Monate.

Es wurden sieben Jahre.

Wie man einen Meridian vermisst, ohne ihn abzuschreiten

Die Methode heißt Triangulation, und sie ist im Kern verblüffend einfach. Man misst eine einzige Strecke am Boden sehr genau aus – die Basislinie. Dann sucht man einen dritten Punkt, etwa einen Kirchturm oder eine Bergkuppe, und misst von beiden Enden der Basislinie aus die Winkel zu diesem Punkt. Mit Basislinie und zwei Winkeln liegt das gesamte Dreieck fest, alle übrigen Seiten lassen sich berechnen.

Nun nimmt man eine der berechneten Seiten als Basis für das nächste Dreieck. Und so weiter. Eine Kette von Dreiecken zieht sich über Hunderte Kilometer, ohne dass man die Strecke je abschreiten müsste.

Delambre und Méchain arbeiteten sich so durch Frankreich und Spanien. Ihr wichtigstes Instrument war der Borda-Kreis, ein Repetitionskreis, benannt nach Jean-Charles de Borda. Sein Trick: Derselbe Winkel wird mehrfach hintereinander auf dem Teilkreis abgetragen, wodurch sich zufällige Ablesefehler herausmitteln. Für damalige Verhältnisse lieferte er eine außergewöhnliche Genauigkeit – und er wird später in dieser Geschichte noch eine unrühmliche Rolle spielen.

Zwei Dinge machen dieses Verfahren anspruchsvoller, als es klingt.

Zum einen hängt alles an der Basislinie. Sie ist die einzige Strecke, die wirklich am Boden gemessen wird; jede andere Länge im gesamten Netz wird aus ihr berechnet. Ein Fehler in der Basislinie pflanzt sich durch die komplette Dreieckskette fort. Entsprechend aufwendig wurde sie ausgemessen – mit speziell angefertigten Messstäben, bei kontrollierter Temperatur, weil sich Metall bei Wärme ausdehnt.

Zum anderen sind Dreiecke nicht gleich Dreiecke. Ein langgestrecktes, spitzes Dreieck reagiert empfindlich auf kleine Winkelfehler; ein gleichmäßiges verzeiht mehr. Die Auswahl der Messpunkte war deshalb kein Spaziergang mit Fernrohr, sondern eine Optimierungsaufgabe unter Bedingungen, die man sich nicht aussuchen konnte: Man brauchte Punkte, die hoch genug lagen, voneinander sichtbar waren, geometrisch günstig standen – und die man betreten durfte.

Genau daran scheiterte es immer wieder. Die besten Punkte waren Kirchtürme und Festungen. Beides war in einem Land, das gerade seine Kirchen enteignete und Krieg führte, kein neutraler Ort.

Aufbau der TriangulationsketteVon einer einzigen gemessenen Basislinie entsteht Dreieck für Dreieck eine Kette echter Dreiecke entlang des Meridians.Wie sich die Dreieckskette aufbautBasislinieeinzige gemessene StreckeKirchturm, Bergkuppe …Jede berechnete Seite wird zur Basis des nächsten Dreiecks — von Dünkirchen bis Barcelona.

Ergebnis

1 Kilometer = 1.000 Meter

1 Kilometer = 1.000 Meter

Alle Umrechnungen

Kilometer1
Meter1.000
Dezimeter10.000
Zentimeter100.000
Millimeter1.000.000
Mikrometer1.000.000.000
Meile0,62137119
Yard1.093,613298
Fuß3.280,839895
Zoll39.370,07874
Seemeile0,5399568
Währungen umrechnenFlächen berechnen
Feedback

Ein Land, das sich gerade selbst zerlegte

Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter sein können.

Während die beiden Astronomen mit Messinstrumenten durch die Landschaft zogen, befand sich Frankreich im Krieg mit halb Europa. Preußische Truppen marschierten auf Paris zu. Im September 1792 wurde die Monarchie abgeschafft, im Januar 1793 wurde der König hingerichtet. Es folgten Terror, Bürgerkrieg und der Krieg gegen Spanien – ausgerechnet das Land, in dem Méchains Messpunkte lagen.

Für die Expedition bedeutete das konkrete Lebensgefahr. Die beiden hatten offizielle Papiere der Nationalversammlung, doch die halfen wenig, wenn ein misstrauischer Dorfrat entschied, dass zwei Fremde mit unverständlichen Messgeräten auf dem Kirchturm nur Spione sein konnten. Beobachtungsplattformen wurden von argwöhnischen Bauern zerstört. Delambre wurde mehrfach aufgehalten und musste seine Arbeit erklären – vor Menschen, denen die Idee einer universellen Längeneinheit vermutlich reichlich abwegig erschien.

Méchain traf es härter. Er saß im Süden fest, als der Krieg zwischen Frankreich und Spanien ausbrach. Er wurde eine Zeit lang festgehalten und konnte das Land nicht verlassen. Ein Kutschunfall verletzte ihn schwer. Er saß in Barcelona, konnte weder vor noch zurück – und begann, seine Messungen zu wiederholen.

Der Moment, um den sich alles dreht

Der Süden des Bogens endete auf dem Montjuïc, der Festungsanhöhe über Barcelona. Für die Berechnung brauchte Méchain nicht nur die Dreieckskette, sondern auch die exakte geografische Breite der Endpunkte – die ließ sich nur astronomisch bestimmen, aus der Position der Sterne.

In Barcelona, festgesetzt und mit reichlich Zeit, führte Méchain diese Messungen aus. Nach manchen Darstellungen kam er dabei auf zehntausend Einzelbeobachtungen.

Und dann passierte, was passieren musste: Seine Messungen am Montjuïc und seine Messungen an seinem Quartier in der Stadt ergaben Werte für die Breite, die nicht zueinander passten. Die Differenz war winzig. Für einen Mann, dessen gesamter Ruf auf Präzision beruhte, war sie katastrophal.

Was danach geschah, ist der Kern der Kontroverse – und hier trennen sich die Darstellungen.

Version 1: Die Geschichte vom vertuschten Fehler

Die bekannteste Darstellung stammt vom amerikanischen Historiker Ken Alder, der um die Jahrtausendwende die Korrespondenz und die Logbücher der beiden Astronomen auswertete und daraus 2002 das Buch „The Measure of All Things" machte (deutsch: „Das Maß der Welt").

Seine Version, verkürzt: Méchain bemerkte die Diskrepanz, geriet in Panik und verbarg sie. Er berichtete nach Paris nicht, was er gemessen hatte. Das Wissen um diesen verschwiegenen Widerspruch verfolgte ihn den Rest seines Lebens. Nur zwei Menschen kannten das volle Ausmaß: Méchain selbst und, später, Delambre.

Diese Erzählung hat eine bemerkenswerte Wucht, weil sie eine Tragödie ist. Ein außergewöhnlich gewissenhafter Mann, gemessen an einem Maßstab der Perfektion, den es wissenschaftlich gar nicht geben konnte, zerbricht an einer Ungenauigkeit, die im Grunde normal war.

Denn das ist der bittere Kern: Zu Méchains Zeit war die Fehlertheorie noch nicht entwickelt. Heute weiß jeder, der misst, dass Messwerte streuen und dass Streuung kein Versagen ist, sondern eine Eigenschaft des Messens. Méchain fehlte dieser Begriff. Er hielt die Abweichung für seinen persönlichen Fehler.

Eine Darstellung der Mathematikhistoriker von MacTutor geht sogar noch weiter: Als Delambre später Méchains Daten für das gemeinsame Werk aufarbeitete, habe er entdeckt, dass Méchain seine Ablesungen verändert hatte, damit sie präziser wirkten, als sie waren. Das ist ein schwererer Vorwurf als bloßes Verschweigen. Delambre habe darauf verzichtet, das öffentlich zu machen – aus Sorge, das Vertrauen in das metrische System insgesamt zu beschädigen.

Das Ende

1803 brach Méchain erneut nach Spanien auf, um den Bogen bis zu den Balearen zu verlängern und die Sache in Ordnung zu bringen. Er kehrte nicht zurück. An der Mittelmeerküste infizierte er sich mit Malaria und starb 1804 in Castelló de la Plana.

Auch hier gehen die Quellen auseinander: Die meisten nennen den 20. September 1804, ein älteres Lexikon den 12. September. Wir geben beides an, statt uns für das schönere Datum zu entscheiden.

Delambre schrieb ihm einen ehrenvollen Nachruf und lobte darin ausgerechnet die Genauigkeit seiner Beobachtungen. Méchains Aufzeichnungen behielt er.

Version 2: Die Rechnung

2019 erschien im Journal of Geodesy ein Aufsatz von Petr Vaníček und Ismael Foroughi mit dem Titel „How gravity field shortened our metre". Die beiden Geodäten schreiben offen, dass Alders Buch sie überhaupt erst auf die Frage gebracht hat – und dass ihnen daran etwas nicht plausibel vorkam.

Ihr Argument ist zunächst ein Größenordnungsargument, und es ist bestechend einfach.

Der Meter ist rund 0,2 Millimeter zu kurz. Da der Meter der zehnmillionste Teil des Quadranten sein soll, entspricht das einem Fehler von etwa zwei Kilometern auf der Strecke vom Pol zum Äquator. Zwei Kilometer. Für zwei Beobachter, die für ihre Sorgfalt berühmt waren, mit einem Instrument, das genau dafür gebaut war, zufällige Fehler wegzumitteln.

Das passte den beiden Autoren nicht zusammen. Also rechneten sie den Fehler auf und ordneten ihn einzeln zu.

Aufschlüsselung des Meter-Fehlers nach UrsacheVom gesamten Fehler des Urmeters entfallen rund 95 Prozent auf das vernachlässigte Schwerefeld, etwa 3 Prozent auf die falsche Annahme über die Erdform und unter 2 Prozent auf die eigentliche Messung der beiden Astronomen.Woher der Fehler kommtAnteil an der Gesamtabweichung des Urmeters von 1799Schwerefeld nicht berücksichtigtLotabweichung durch lokale Massen≈ 95 %Falsche Annahme zur ErdformAbplattung nur ungefähr bekannt≈ 3 %Messung Delambre und Méchaindie eigentliche Feldarbeitunter 2 %Quelle: Vaníček & Foroughi, Journal of Geodesy, 2019. Balkenlänge maßstäblich zum Anteil.

Anders gesagt: Läge es allein an der Feldarbeit von Delambre und Méchain, wäre der Meter heute weniger als 4 Mikrometer zu lang – statt der rund 197 Mikrometer, die er tatsächlich zu kurz ist. Der Löwenanteil der Abweichung hat mit ihrer Messung nichts zu tun.

Was das Schwerefeld damit zu tun hat

Der entscheidende Punkt ist unscheinbar und steckt im Lot.

Um die geografische Breite astronomisch zu bestimmen, braucht man eine Bezugsrichtung: die Senkrechte. Die stellt man über ein Lot her, also über die Schwerkraft. Und hier liegt das Problem: Die Schwerkraft zeigt nicht überall exakt zum Erdmittelpunkt. Massenverteilungen im Untergrund – Gebirge, Gesteinsdichten – ziehen das Lot ein wenig zur Seite. Fachlich heißt das Lotabweichung.

Wer die Breite über das Lot bestimmt, misst also nicht ganz das, was er zu messen glaubt. Und das ist kein Fehler des Beobachters. Es ist ein Fehler des Bezugssystems.

Lotabweichung durch lokale MassenDas Lot einer Waage zeigt eigentlich zum Erdmittelpunkt. Ein nahes Gebirge zieht das Lot durch seine Masse ein wenig zur Seite, sodass die gemessene Senkrechte von der wahren Richtung zum Erdmittelpunkt abweicht. Diesen Effekt konnten Delambre und Méchain nicht berücksichtigen.Warum das Lot nicht zum Erdmittelpunkt zeigtErdoberflächeGebirgeMesspunktRichtung zumErdmittelpunkttatsächliches Lotzur Gebirgsmasse gezogenDer Winkel zwischen beiden Linien ist die Lotabweichung — im 18. Jahrhundert nicht messbar.

Méchain und Delambre konnten das nicht berücksichtigen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil das nötige Wissen über das Schwerefeld der Erde schlicht noch nicht existierte. Der Effekt war im Prinzip bekannt, seine konkrete Größe an ihren Messpunkten nicht.

Und es gab schon damals einen Verdacht. Als der Mathematiker Adrien-Marie Legendre 1806 die Ergebnisse mit denen früherer Messungen verglich, äußerte er die Vermutung, dass Unregelmäßigkeiten der örtlichen Anziehung auf das Lot im Spiel sein könnten. Genau diese Vermutung bestätigen Vaníček und Foroughi mehr als zwei Jahrhunderte später mit modernen Schwerefeldmodellen.

Die beiden Autoren äußern in ihrem Aufsatz übrigens ihr Erstaunen darüber, dass die französische Akademie der Wissenschaften kein Interesse gezeigt habe, den Ruf ihrer beiden verstorbenen Mitglieder zu klären.

Der dritte Anteil: die Form der Erde

Bleiben die rund drei Prozent, die auf eine falsche Annahme über die Erdform entfallen. Auch das ist keine Nachlässigkeit, sondern der Stand des Wissens.

Die Erde ist keine Kugel. Durch die Fliehkraft der Rotation ist sie an den Polen abgeplattet; die Halbachsen unterscheiden sich um gut 21 Kilometer. Das war im 18. Jahrhundert bekannt – die Franzosen hatten dafür eigens Expeditionen nach Lappland und nach Peru geschickt, um Bogenstücke in unterschiedlichen Breiten zu vergleichen.

Bekannt war also dass die Erde abgeplattet ist. Strittig war, wie stark. Und genau dieser Wert geht in die Hochrechnung ein: Delambre und Méchain vermaßen nur rund zehn Breitengrade zwischen Dünkirchen und Barcelona. Von diesem Stück auf den gesamten Quadranten vom Pol zum Äquator zu schließen, verlangt ein Modell der Erdform. Ist das Modell leicht daneben, ist die Hochrechnung leicht daneben – auch wenn jeder einzelne Winkel perfekt gemessen wurde.

Man kann die drei Fehleranteile deshalb ganz gut sortieren: Der kleinste Teil steckt in dem, was die beiden tatsächlich taten. Der größte in dem, was sie nicht wissen konnten.

Diese Unterscheidung ist der eigentliche Punkt. Wissenschaftsgeschichte ist voll von Zahlen, die sich später als falsch erwiesen – meist, weil jemand vorhandene Hinweise falsch bewertete. Solche Fälle kann man im Rückblick kritisieren, weil das Wissen prinzipiell verfügbar war. Hier liegt es anders: Der größte Fehleranteil entstand aus etwas, das im Jahr 1799 niemand hätte berücksichtigen können. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Grenze der Epoche.

Wie beides zusammenpasst

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung wichtig, weil sonst leicht ein falscher Eindruck entsteht.

Die Geodäten von 2019 widerlegen nicht, dass Méchain eine Diskrepanz verschwieg. Diese Frage ist historisch, sie hängt an Briefen und Logbüchern, und dafür ist Alder der Fachmann.

Was sie widerlegen, ist die Schlussfolgerung: dass dieser verschwiegene Fehler die Ursache dafür sei, dass unser Meter zu kurz ist. Das ist er nicht, jedenfalls fast nicht. Der Anteil liegt unter zwei Prozent.

Man kann es so zusammenfassen: Méchain hat etwas verschwiegen. Er hat sich furchtbar gequält. Er ist auf dem Weg gestorben, es richtigstellen zu wollen. Und die Abweichung, die er für seine Schuld hielt, war zum überwiegenden Teil gar nicht seine.

Das ist eine andere Tragödie als die erzählte – und aus unserer Sicht die härtere.

Das Urmeter: 443,296 Linien und ein Stab aus Platin

Zurück zur Praxis. Die Expedition dauerte so lange, dass die Republik nicht warten konnte.

1793 wurde deshalb ein vorläufiger Meter festgelegt, gestützt auf ältere Messungen. Am 7. April 1795 wurde das dezimale metrische System per Gesetz eingeführt – Jahre bevor die Vermessung überhaupt abgeschlossen war. Die Begründung war ökonomisch: Handel, Geldwesen und Kataster konnten nicht länger warten.

Als Delambre und Méchain im Herbst 1798 zurück in Paris waren, prüfte eine internationale Kommission die Daten. Im März 1799 stand der endgültige Wert fest: 443,296 Pariser Linien. Er wich um 0,114 Linien – etwa 0,32 Millimeter – vom vorläufigen Meter ab.

Am 22. Juni 1799 wurde ein Stab aus Platin, der mètre des archives, im Nationalarchiv hinterlegt. Im Dezember 1799 folgte das Gesetz, das ihn verbindlich machte.

Die Zahlen im Überblick

Urmeter (1799): 443,296 Pariser Linien, entsprechend 1000,0001606 mm. Abweichung des heutigen Meters: rund 0,2 mm zu kurz (197 Mikrometer). Erdquadrant tatsächlich (nach WGS84): etwa 10.001,966 km statt der angestrebten 10.000 km. Vermessener Bogen: Dünkirchen bis Barcelona, etwa 10 Breitengrade.

GrößeAngestrebtTatsächlich
Erdquadrant (Pol → Äquator)10 000 km≈ 10 001,966 km
Länge eines Meters1000 mm1000,0002 mm
Abweichung pro Meter0≈ 0,2 mm zu kurz
Urmeter von 1799443,296 Linien

Bemerkenswert ist eine Fußnote, die selten erzählt wird: Bezogen auf das eigentliche Ziel – den zehnmillionsten Teil der Strecke vom Äquator zum Pol – war das endgültige Urmeter von 1799 sogar ungenauer als der vorläufige Meter von 1793. Sieben Jahre Expedition, unter Lebensgefahr, und das Ergebnis war in dieser einen Hinsicht ein Rückschritt.

Was danach geschah

Die Geschichte hat einen unglamourösen zweiten Teil.

Die vier Definitionen des Meters von 1799 bis 1983Der Meter wurde 1799 über den Erdquadranten definiert, 1889 über einen Platin-Iridium- Prototyp, 1960 über die Wellenlänge von Krypton-86 und seit 1983 über die Strecke, die Licht in einem bestimmten Sekundenbruchteil zurücklegt. Jede Definition wurde an die vorherige angepasst.Vier Definitionen, eine LängeJede Stufe wurde an die vorherige angeschlossen — die Abweichung von 1799 blieb erhalten.1799Erdquadrantgeteilt durch10 Millionen1889Platin-Iridium-Prototyp1960Wellenlänge vonKrypton-861983Lichtstrecke in1/299 792 458 sVom greifbaren Naturmaß zur Naturkonstante: seit 1983 ist die Lichtgeschwindigkeitkeine Messgröße mehr, sondern eine Festlegung.

Das metrische System setzte sich durch, nicht weil es überzeugte, sondern weil es verordnet wurde – und selbst das dauerte. Die Bevölkerung rechnete weiter in alten Maßen. 1812 ließ Napoleon eine Rückkehr zu Einheiten des Ancien Régime zu. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich das Dezimalsystem in Frankreich wirklich durch.

International wurde es 1875 mit der Meterkonvention verankert, die 17 Staaten unterzeichneten.

Und die Definition selbst? Sie hat den Erdbezug längst verloren:

  • 1799: ein Zehnmillionstel des Erdquadranten, verkörpert durch einen Platinstab
  • 1889: der Abstand zweier Markierungen auf einem internationalen Prototyp
  • 1960: ein Vielfaches der Wellenlänge einer bestimmten Krypton-86-Strahlung
  • 1983: die Strecke, die Licht im Vakuum in 1/299.792.458 Sekunde zurücklegt

Der letzte Schritt ist der elegante. Statt die Lichtgeschwindigkeit immer genauer am Meter zu messen, legte man ihren Zahlenwert fest und definierte den Meter über sie. Seither ist die Lichtgeschwindigkeit keine Messgröße mehr, sondern eine Festlegung.

Jede dieser Definitionen wurde so gewählt, dass sie zur vorherigen passt. Deshalb steckt die Abweichung von 1799 bis heute in jedem Meter – nicht als Fehler, sondern als Erbstück. Der Meter ist genau so lang, wie er ist, weil zwei Männer vor über zweihundert Jahren durch ein Land im Bürgerkrieg zogen und Winkel maßen.

Was uns daran interessiert

Wir betreiben ein Rechnerportal. Uns beschäftigt an dieser Geschichte weniger die Romantik als eine Frage, die uns täglich betrifft: Woher kommt eine Zahl, und wie gut ist sie belegt?

Drei Dinge sind uns hängengeblieben.

Erstens: Die schöne Erklärung gewinnt. „Ein Astronom vertuschte seinen Fehler" ist erzählbar, merkbar und hat einen Schuldigen. „Die Lotabweichung durch lokale Massenverteilungen wurde nicht berücksichtigt" hat nichts davon. Also verbreitet sich die erste Version, obwohl die zweite die Zahlen auf ihrer Seite hat.

Zweitens: Präzision ohne Genauigkeit ist eine Falle. Der Borda-Kreis lieferte Méchain hochpräzise Werte – reproduzierbar, eng beieinander. Nur waren sie systematisch verschoben, weil das Bezugssystem verschoben war. Zehntausend Beobachtungen helfen nicht gegen einen Fehler, der in jeder einzelnen davon gleichermaßen steckt. Das gilt für Umfragen, für Messungen und für jede Rechnung, deren Eingangsgrößen falsch sind.

Drittens: Ohne Fehlertheorie wird Streuung zu Schuld. Méchain fehlte der Begriff dafür, dass Messwerte streuen dürfen. Er las seine Abweichung als persönliches Versagen. Der Umgang mit Unsicherheit ist selbst eine Erfindung – und wer sie nicht hat, kann an normalem Rauschen zerbrechen.

Zum Nachrechnen

Der Erdquadrant misst tatsächlich etwa 10.001,966 Kilometer statt der angestrebten 10.000. Die Differenz sind knapp zwei Kilometer, verteilt auf zehn Millionen Meter – daraus werden die 0,2 Millimeter pro Meter.

Wer mit den Einheiten aus dieser Geschichte selbst rechnen will – Pariser Linien, Toisen, Kilometer, Mikrometer –, findet den Einheiten-Umrechner weiter oben in diesem Artikel.

Quellen

  1. Vaníček, P. & Foroughi, I.: How gravity field shortened our metre. Journal of Geodesy 93, 1821–1827 (2019)Fachliche Aufschlüsselung des Fehleranteils. Widerspricht der populären Deutung, nicht dem historischen Befund.
  2. Alder, K.: The Measure of All Things (2002), deutsch: Das Maß der WeltGrundlage der verbreiteten Erzählung vom vertuschten Fehler. Basiert auf Briefen und Logbüchern der Expedition.
  3. MacTutor History of Mathematics: Pierre MéchainNennt eine schärfere Variante: Méchain habe Ablesungen verändert, nicht nur verschwiegen.
  4. Physikalisch-Technische Bundesanstalt: Von der Elle zur NaturkonstanteMetrologische Einordnung der Definitionsstufen 1799 bis 1983.
  5. Cerutti, G. u. a.: Why does the meter beat the second? (arXiv)Belegt 443,296 Linien, den Abstand von 0,114 Linien zum vorläufigen Meter und die Gesetzeslage von 1795.
  6. Wikipedia: Urmeter / Meter / Pierre MéchainFür Datierungen herangezogen. Widersprüchlich beim Todesdatum (20. vs. 12. September 1804) und bei der Expeditionsdauer (1792–1798 vs. 1792–1799).
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