Woher der BMI kommt – und warum sein Erfinder ihn nie für einzelne Menschen gedacht hat
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Es gibt wenige Zahlen, die so beiläufig abgefragt werden. Beim Arzt, im Fitnessstudio, im Versicherungsformular: Was ist Ihr BMI? Die Frage klingt, als ginge es um eine Messung – wie Blutdruck oder Puls, nur einfacher.
Dabei ist der Body-Mass-Index keine Messung. Er ist ein Verhältnis aus zwei Zahlen, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, um Bevölkerungen zu beschreiben. Der Mathematiker, der die Formel aufstellte, hatte keine Diagnose im Sinn. Der Physiologe, der ihr 140 Jahre später ihren heutigen Namen gab, warnte im selben Aufsatz ausdrücklich davor, sie auf einzelne Menschen anzuwenden.
Beide Warnungen sind belegt. Beide sind folgenlos geblieben.

Worum es geht
Der BMI ist ein Screening-Wert für Bevölkerungsvergleiche, kein Diagnosewerkzeug für Einzelpersonen. Diese Einschränkung stammt nicht von Kritikern, sondern von den beiden Männern, auf die die Größe zurückgeht. Fragen zur eigenen Gesundheit lassen sich mit keiner Zahl beantworten – dafür ist die ärztliche Praxis da.
Ein Werkzeug für Bevölkerungen
Adolphe Quetelet war kein Arzt. Er war belgischer Mathematiker, Astronom und Statistiker, und sein Lebensthema war der „mittlere Mensch" – die Frage, wie sich menschliche Merkmale über eine Bevölkerung hinweg verteilen. Körpergröße, Gewicht, Brustumfang, sogar Kriminalitätsraten: Quetelet suchte in großen Zahlen nach Regelmäßigkeiten.
Um 1832 formulierte er dabei ein Verhältnis, das später seinen Namen tragen sollte. Seine Überlegung war schlicht: Das Breitenwachstum des Menschen fällt geringer aus als das Höhenwachstum. Wer doppelt so groß ist, wiegt nicht das Achtfache, sondern deutlich weniger. Teilt man das Gewicht durch das Quadrat der Größe statt durch die dritte Potenz, bleibt der Wert über verschiedene Körpergrößen hinweg einigermaßen vergleichbar.
Genau dafür war die Formel gedacht: um Gruppen miteinander vergleichbar zu machen. Nicht, um einem einzelnen Menschen zu sagen, wie es um ihn steht. Der Quetelet-Index war ein Instrument der Statistik, kein Instrument der Medizin – und er blieb über ein Jahrhundert weitgehend unbeachtet.
1972: der Name – und die Warnung im selben Aufsatz
Aus der Vergessenheit holte ihn Ancel Keys. Der amerikanische Physiologe veröffentlichte 1972 im Journal of Chronic Diseases die Arbeit „Indices of Relative Weight and Obesity" – eine Untersuchung an über 7.400 Männern aus fünf Ländern.
Keys wollte einen jahrzehntelangen Streit entscheiden: Welche der vielen kursierenden Größe-Gewicht-Formeln stimmt am besten mit dem tatsächlich gemessenen Körperfettanteil überein? Er verglich sie systematisch gegen direkte Messungen. Das Ergebnis war überraschend: Quetelets alte Formel schnitt am besten ab. Keys gab ihr daraufhin einen neuen, eingängigeren Namen – Body Mass Index.
Diese Umbenennung war der Wendepunkt. Aus einer statistischen Randgröße wurde ein Begriff, den heute jeder kennt.
Weniger bekannt ist der zweite Teil. Keys empfahl den Index ausdrücklich für den statistischen Vergleich von Bevölkerungen – nicht für die Beurteilung einzelner Personen. Seine Originalarbeit warnt vor genau dieser Verwendung. Er hielt fest, dass die Formel den anderen Kandidaten nur etwas überlegen und kein zuverlässiges Maß des Körperfetts sei.
Der Erfinder wollte ein Bevölkerungsmaß. Der Namensgeber bestätigte, dass es eines bleiben müsse. Was danach geschah, geschah gegen beider ausdrückliche Einschränkung.
Ihr Body Mass Index
24,5
BMI-Einordnung
Optimaler BMI-Bereich für Ihr Alter (30 Jahre)
BMI 20 – 25,9 entspricht einem Gewicht von 61,3 – 79,3 kg bei Ihrer Größe.
Hinweis: Der BMI-Rechner ersetzt keine ärztliche Beratung. Der BMI berücksichtigt weder Muskelmasse noch Körperfettverteilung. Wenden Sie sich für eine individuelle Einschätzung an Ihren Arzt.
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HanseMerkur ansehenWie aus einem Vergleichsmaß eine Grenze wurde
Bis in die 1980er-Jahre arbeiteten Ärzte überwiegend mit Gewichtstabellen von Lebensversicherungen. 1985 übernahmen die amerikanischen National Institutes of Health den BMI als Standardmaß.
Die ersten Schwellen entstanden dabei nicht aus einem gemessenen Gesundheitsrisiko, sondern aus einer Verteilung: Man nahm die 85. Perzentile der Bevölkerung – also den Wert, oberhalb dessen die schwersten 15 Prozent liegen. Für Männer ergab das 27,8, für Frauen 27,3.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens: Die Grenze war geschlechtsspezifisch, weil der Zusammenhang zwischen BMI und Körperfett bei Männern und Frauen unterschiedlich ausfällt. Zweitens: Sie war eine Positionsangabe innerhalb einer Bevölkerung, kein Schwellenwert für ein Risiko. Wer über der Linie lag, war nicht krank – er war schwerer als 85 Prozent der anderen.
1998: als 29 Millionen Menschen über Nacht die Kategorie wechselten
1998 änderten die NIH die Regeln. Sie führten die Werte für Männer und Frauen zusammen, obwohl sich das Verhältnis von BMI und Körperfett zwischen den Geschlechtern unterscheidet, und ergänzten eine zusätzliche Kategorie. Heraus kamen die Zahlen, die heute jeder kennt: 25 für Übergewicht, 30 für Adipositas.
Der Grund für diese Werte ist in den Darstellungen der Geschichte bemerkenswert offen benannt: Es waren runde Zahlen, die sich Ärzte und Patienten leicht merken konnten.
An dieser Stelle wurde Genauigkeit gegen Merkbarkeit getauscht. Die geschlechtsspezifische Unterscheidung, die 1985 noch bestand, fiel weg – nicht weil neue Daten sie widerlegt hätten, sondern weil eine Zahl praktischer ist als zwei.
Die Folge war unmittelbar: Rund 29 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner galten von einem Tag auf den anderen als übergewichtig, ohne ein Gramm zugenommen zu haben. Nicht die Menschen hatten sich verändert, sondern die Linie.
Eine Zahl, die nicht für alle passt
2002 berief die Weltgesundheitsorganisation eine Expertenkonsultation nach Singapur. Anlass waren Befunde aus Asien: In Regionen, in denen der durchschnittliche BMI unterhalb von 25 lag, traten Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Risiken auffällig häufig auf. Die bestehende Grenze schien dort nicht zu greifen.
Das 2004 veröffentlichte Ergebnis ist aufschlussreicher, als eine schlichte Korrektur es wäre. Die Konsultation bestätigte, dass der Anteil asiatischer Menschen mit hohem Risiko bereits unterhalb von 25 erheblich ist. Sie konnte aber keinen neuen einheitlichen Grenzwert bestimmen: Der Wert für beobachtetes Risiko schwankt je nach Bevölkerung zwischen 22 und 25, der für hohes Risiko zwischen 26 und 31.
Die Konsultation beschloss daher zweierlei. Sie behielt die bestehenden Grenzwerte als internationale Klassifikation bei – und ergänzte zusätzliche Handlungsschwellen bei 23,0, 27,5, 32,5 und 37,5.
Seither hält dieselbe Organisation zwei Sätze von Grenzwerten gleichzeitig für gültig. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil die Daten keine einzelne Zahl hergeben, die für alle Menschen funktioniert.
Was die Formel nicht weiß
Die Rechnung kennt genau zwei Eingaben: Gewicht und Körpergröße. Alles andere kommt in ihr nicht vor.
Sie unterscheidet nicht zwischen Muskel- und Fettmasse, obwohl Muskelgewebe deutlich schwerer ist als Fettgewebe. Sie kennt keinen Knochenbau. Sie weiß nichts darüber, wo am Körper sich Fett befindet – obwohl gerade das für das Gesundheitsrisiko erheblich ist, weshalb der Taillenumfang als ergänzendes Maß gilt. Sie berücksichtigt weder Alter noch Geschlecht: Die WHO-Einteilung für Erwachsene ist für alle dieselbe.
Zusätzliche, altersabhängige Orientierungswerte kursieren zwar und finden sich auch in Rechnern – auf dieser Seite ebenfalls. Sie stammen aber aus anderen Quellen und sind ausdrücklich keine WHO-Empfehlung. Wer beide nebeneinanderlegt, sieht keinen Fehler, sondern zwei verschiedene Konventionen.
Für Kinder und Jugendliche gilt die Erwachsenen-Einteilung ohnehin nicht; dort wird mit alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen gearbeitet.
2023: die Ärzteschaft rudert zurück
Im Juni 2023 beschloss die American Medical Association – der größte Ärzteverband der USA – eine neue Position zum BMI. Der methodische Kern: Der Index hängt in der Allgemeinbevölkerung deutlich mit der Fettmasse zusammen, verliert seine Vorhersagekraft aber, sobald er auf die einzelne Person angewandt wird. Die Grenzwerte beruhen zudem überwiegend auf Daten früherer Generationen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.
Die Empfehlung lautet, den BMI nicht mehr allein zu verwenden, sondern gemeinsam mit anderen Maßen – Taillenumfang, Körperzusammensetzung, viszerales Fett, Stoffwechselwerte.
Die Entscheidung wurde in den USA öffentlich kontrovers diskutiert, auch weil die AMA in ihrer Begründung historische Verwendungen des Maßes aufgriff. Für die Frage, was der BMI misst, ist die methodische Feststellung die relevante: Ein Wert, der über Gruppen hinweg aussagekräftig ist, wird es dadurch nicht für den Einzelnen.
Was daraus folgt
Der BMI ist nicht falsch. Er tut, wofür er gebaut wurde: Er macht Bevölkerungen vergleichbar, mit zwei Zahlen, die überall auf der Welt ohne Geräte erhoben werden können. Für Gesundheitsstatistik ist das ein enormer Vorteil.
Er ist nur nicht das, wofür er inzwischen gehalten wird. Zwischen „diese Bevölkerung hat sich in zwanzig Jahren verändert" und „bei Ihnen stimmt etwas nicht" liegt ein Unterschied, den die Formel nicht überbrücken kann – und den beide Männer, auf die sie zurückgeht, ausdrücklich benannt haben.
Wer wissen will, wie es um die eigene Gesundheit steht, erfährt das nicht von einer Division. Das ist keine Kritik am BMI. Es ist die Beschreibung dessen, was er ist.
Quellen
- Ancel Keys u. a.: Indices of relative weight and obesity. Journal of Chronic Diseases 25 (1972), S. 329–343Die Arbeit, die dem Quetelet-Index den Namen Body Mass Index gab. Untersuchung an über 7.400 Männern aus fünf Ländern; empfiehlt den Index für den statistischen Vergleich von Bevölkerungen und warnt vor der Anwendung auf Einzelpersonen.
- Commentary: Origins and evolution of body mass index (BMI): continuing saga. International Journal of Epidemiology 43 (2014)Ordnet Keys’ Arbeit von 1972 ein und belegt Quetelets Herleitung über die Prämisse, das Breitenwachstum des Menschen falle geringer aus als das Höhenwachstum.
- WHO Expert Consultation: Appropriate body-mass index for Asian populations and its implications for policy and intervention strategies. The Lancet 363 (2004), S. 157–163Belegt die Schwankungsbreite der Risikoschwellen zwischen 22 und 25 beziehungsweise 26 und 31, die Beibehaltung der internationalen Klassifikation und die zusätzlichen Handlungsschwellen bei 23,0, 27,5, 32,5 und 37,5.
- WHO: Physical status — the use and interpretation of anthropometry. WHO Technical Report Series 854, Genf 1995Grundlage der weltweit verwendeten BMI-Klassifikation für Erwachsene.
- American Medical Association: AMA adopts new policy clarifying role of BMI as a measure in medicine (Juni 2023)Beschluss des größten US-Ärzteverbands, den BMI nicht mehr als alleiniges Maß zu verwenden.
- American Medical Association: Use of BMI alone is an imperfect clinical measure (Juni 2023)Enthält die methodische Kernaussage, der BMI hänge in der Allgemeinbevölkerung deutlich mit der Fettmasse zusammen, verliere seine Vorhersagekraft aber auf Einzelfallebene.
- Jean-Pierre Montani u. a.: Ancel Keys — The legacy of a giant in physiology, nutrition, and public health. Obesity Reviews 22 (2021)Wissenschaftshistorische Einordnung der Arbeit von 1972 und ihrer Wirkung.
- Wikipedia: Body-Mass-IndexBelegt die Entwicklung durch Quetelet 1832 sowie Keys’ Einschränkung auf den statistischen Vergleich von Populationen.
